PARALLELE WELTEN
Schon rufen die Visionäre das "Web 2.0" aus. Man begeistert sich für radikal neue Formen sozialer Interaktion, für "virtuelle Mehrheiten" und "Schwarmintelligenz". Das aufgeregte Wortgeklingel klingt verdächtig nach der nächsten Internet- Blase, nach einer weiteren angeblichen "Killertechnologie", die das Netz revolutionieren soll. "Ich habe solche Hypes schon oft erlebt", meint der Software-Unternehmer und Internetguru Dave Winer: "Social Software gibt es seit Jahren. Was ist die große Neuigkeit?"
Sicher: "Social Software" wie cc-Mails, Gruppenkalender oder Instant Messaging nutzen wir seit langem. Alle diese Technologien haben zwar komfortablere Kommunikation gebracht, aber weder das Netz noch die Gesellschaft umgekrempelt. Warum soll jetzt plötzlich alles anders sein? Die Antwort liegt möglicherweise nicht bloß in einer Hand voll neuer Technologien, sondern in einem tief greifenden Kulturwandel, der zurzeit das Netz erfasst.
"Wir erleben gerade das Ende des Cyberspace", sagt Joi Ito bedächtig. Wir treffen uns im Pariser Büro des Software- Unternehmens Six Apart, einer Social-Software-Firma, an der Ito beteiligt ist. Der 39-jährige Japaner hat selbst alle Verpuppungsphasen des Netzes miterlebt. Einst schraubte er an Rechnern herum, philosophierte mit dem Drogen-Guru Timothy Leary über Chaos und Cyberkultur und stopfte sein Badezimmer mit Servern und Netzwerkkabeln voll. Daraus entstanden die Firmen PSINet Japan und Infoseek Japan. Während des Internet-Booms verkaufte er Unternehmen wie Rakuten, Nippons größtes Online-Portal, oder brachte sie an die Börse.
Heute ist Joi Ito einer der ehrenamtlichen Direktoren der Internet- Verwaltung ICANN, sitzt mehreren Regierungskomitees und Non-Profit-Organisationen vor und verbringt einen Großteil seines Lebens auf Konferenzen irgendwo auf der Welt. Trotz seiner Biografie ist Ito ein Computer- und Internet- Freak neuen Typs. Vor allem ist er kein Rebell - wie etwa ein gewisser John Perry Barlow seinerzeit, im Jahr 1996.
Der ehemalige Rinderzüchter, Texter der Gruppe Greatful Dead und Gründer der Bürgerrechtsbewegung Electronic Frontier Foundation verkündete damals auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ein zornig-pathetisches Pamphlet. "Der Cyberspace liegt nicht innerhalb eurer Hoheitsgebiete", lautete seine Botschaft an die "müden Giganten aus Fleisch und Stahl". Und: "Unsere persönlichen Identitäten haben keine Körper." Barlow beschrieb das Internet als eine separate, autonome Welt, die gegen Eindringlinge verteidigt werden musste. "Barlows Unabhängigkeitserklärung damals, das war eine andere Zeit, die ist jetzt vorbei", sagt Ito knapp.
Einige Jahre nach Barlows Rede platzte die Dotcom-Blase. Zurück blieb ein Web, das tief gespalten war in zwei parallele Welten. Die eine gleicht einem gigantischen, glitzernden Einkaufszentrum, die andere mal einem zwielichtigen Schattenreich, mal einem Maskenball. In der einen Welt erledigen wir unser Onlinebanking, kaufen und verkaufen alte Kinderfahrräder über Ebay, bestellen Bücher und CDs. Hier lesen wir die Nachrichten und informieren uns über die Wetteraussichten. In dieser Welt residieren die monolithischen, agenturgepflegten Unternehmens-Websites. Zwar gibt es Schnittstellen zur realen Welt. Aber es begegnen uns keine Menschen.
In der anderen Welt, in Webforen und Chaträumen, geht es lebendiger zu. Doch wieder treffen wir nicht auf Menschen, sondern auf anonyme, gesichts- und geschichtslose Cyber-Wesen. Hier fachsimpelt man über Computer und Autos, man chattet über Politik, Sex oder das Fernsehprogramm. Hier simuliert man Identität - oder gleich mehrere Identitäten zugleich. Hier tobt man Fantasien, Begierden oder einfach bloß Stimmungen aus. Wer sich hinter RealNeo665, Crippled- Mind oder face1004 verbirgt? "On the internet nobody knows you're a dog", hieß es einmal.
Welche Relevanz hat das Geschnatter mit Unbekannten, über deren reales Leben man höchstwahrscheinlich nie etwas erfahren wird? Würden Sie CrippledMind ohne weiteres einen Job vermitteln? Und würden Sie ihm abkaufen, was er aus seinem angeblichen Leben erzählt? Woher wüssten Sie überhaupt, ob es er oder sie ist?
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 07/2005 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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