Solarpark Gut Erlasee, Franken
Zehn Jahre nach der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes in Deutschland wollen auch andere Länder Wind- und Solarenergie finanziell fördern. Sollen sie noch dem deutschen Modell der Einspeisevergütungen folgen? Evan Schwartz plädiert dagegen.
Vor zehn Jahren hat Deutschland ein Programm zur Förderung erneuerbarer Energien gestartet, das alle vorherigen Pläne in den Schatten stellte. Der Bundestag verabschiedete ein Gesetz, das die Energieerzeuger verpflichtete, grünen Strom zu enormen Preisen anzukaufen – für Solarstrom beliefen sie sich auf über 50 Cent. Diese Verpflichtung wurde für 20 Jahre festgeschrieben, zu einer Zeit als der Marktpreis für Strom bei rund 12 Cent pro Kilowattstunde lag.
Die Idee hinter dieser „Einspeisevergütung“ war, jeden eigene Anlagen zur Produktion von erneuerbaren Energien errichten zu lassen – darunter auch Solaranlagen auf Hausdächern. Durch die Abnahme seitens der Energieversorger sollte dabei jedem Kleinerzeuger ein gesetzlich abgesicherter und damit kalkulierbarer Gewinn garantiert werden. Die Extrakosten würden dabei an die Stromkunden weitergegeben und so gleichmäßig über alle Haushalte und Unternehmen verteilt. Fossile und nukleare Brennstoff kämen einer „Pyromanie“ gleich, sagte damals der SPD-Politiker Hermann Scheer, der das Konzept verfochten hatte, und: „Erneuerbare Energie ist der Feuerlöscher.“
Nun, da sich die USA und andere Länder anschicken, im Namen des Klimaschutzes eigene Förderprogramme für erneuerbare Energien aufzulegen, ist eine Debatte über die Effektivität des deutschen Experiments entbrannt. Einerseits hat das Erneuerbare-Energien-Gesetz aus dem Jahr 2000 seine Ziele übertroffen. Ursprünglich war geplant, dass 2010 mindestens zehn Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen sollten. Inzwischen werden aus ihnen 16 Prozent des Stroms ins Netz eingespeist. Die Bundesregierung hat deshalb das Quotenziel für 2020 von 20 auf 30 Prozent erhöht. Dank des Erfolges konnte die Bundesrepublik allein 2009 rund 74 Millionen Tonnen CO2 einsparen.
Das Bundesumweltministerium preist außerdem eine positive Nebenwirkung des Gesetzes an: rund 300.000 neue Arbeitsplätze, die durch saubere Energie entstanden. Deshalb werde das System der Einspeisevergütung nicht nur von linken Politikern unterstützt, die es von Anfang an verfochten, sondern auch von konservativen Partien, die es zunächst bekämpft hätten, sagt Claudia Kemfert. Sie leitet die Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. „Die Skepsis ist weg“, sagt Kemfert. „Wir feiern den Erfolg.“
Auf der anderen Seite kann man das deutsche Konzept auch als Zeitverschwendung ansehen. „Es ist nicht überraschend, dass die Leute Geld ausgeben, wenn man es ihnen nachwirft“, sagt Severin Borenstein, Kodirektor des Energie-Instituts an der Haas School of Business der Universität Berkeley. Natürlich hätten die Anreize einen Boom bei Neuinstallationen für erneuerbare Energien ausgelöst, aber zu „sehr hohen Preisen“, kritisiert Henry Lee, Direktor des Umweltprogramms an der John F. Kennedy School of Government der Harvard-Universität.
Besonders die Subventionierung der Photovoltaik sei angesichts der erzeugten Strommenge ineffizient gewesen, fügt Lee hinzu, denn „Deutschland ist bewölkteste Land in Europa“. Trotz des Wetters entfällt auf Deutschland jedoch die Hälfte der weltweit installierten Photovoltaik-Leistung in Höhe von 20 Gigawatt. „Dafür bekommen Sie hohe Strompreise, festgeschrieben für 20 Jahre, erzeugt von einer Technik, die innerhalb von drei Jahren veraltet“, sagt Lee. Und Borenstein stellt fest: „Das ist ein Versagen der Politik.“
Auch die Zunahme an Arbeitsplätzen könnte sich als flüchtig erweisen. Solarmodule und Windräder lassen sich überall in der Welt produzieren. Inzwischen bläst vielen deutschen Herstellern durch die Niedriglohn-Konkurrenz aus China eine steife Brise ins Gesicht (siehe dazu auch „Das Geheimnis des Solar-Weltmeisters in der aktuellen Print-Ausgabe). Die Aktienkurse von Q-Cells, Conergy und Solarworld haben seit deren Börsengängen 2008 viel an Wert verloren. Als Q-Cells im März einen Jahresverlust von 1,36 Milliarden Euro melden musste, trat der Gründer und Vorstandsvorsitzende Anton Milner zurück.
Um die Einspeisevergütungen an die fallenden Produktionskosten für Solarmodule anzupassen, kürzte der Bundestag diese im Mai noch einmal um elf bis 16 Prozent, zusätzlich zu einer bereits beschlossenen Kürzung von zehn Prozent. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, haben Solarfirmen Hunderte von Mitarbeitern entlassen, und der Bundesverband Solarwirtschaft warnt bereits vor weiteren Entlassungen.
Auch andere Länder, die früh dem deutschen Beispiel folgten, haben Vergleichbares erlebt. Für Spanien war 2008 noch das Rekordjahr gewesen, als Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 2,46 Gigawatt installiert wurden. Das waren laut der Beratungsfirma Solarbuzz 41 Prozent aller Neuinstallationen weltweit.
Für die Energieversorger wurde diese enorme Menge an hochvergüteter Energie freilich immer mehr zur Bürde. Zusammen mit dem Preisverfall für Solarmodule führte dies schließlich zu einem drastisch Einschnitt bei den Einspeisevergütungen. Folge: Ohne die außergewöhnlich großen Anreize sank der Anteil der spanischen an den weltweiten Neuinstallationen für Solarenergie im vergangenen Jahr auf sechs Prozent.
Dennoch wächst das Interesse am Konzept der Einspeisevergütungen in den USA. Zwei Städte, Sacramento in Kalifornien und Gainesville in Florida, haben bereits entsprechende Programme aufgelegt. Kalifornien, Hawaii und Vermont haben zudem entsprechende Gesetze verabschiedet, die aber noch nicht in Kraft getreten sind - 15 weitere US-Bundesstaaten planen derartige Gesetze.
Wie teuer werden Sie diese Gesetze zu stehen kommen? In Deutschland sind die Strompreise im vergangenen Jahrzehnt um 60 Prozent gestiegen. Das Bundesumweltministerium hält dagegen, dass die Einspeisevergütungen nur für ein Zehntel des Preisanstiegs von monatlich rund 2,30 Euro in einem Durchschnittshaushalt verantwortlich seien. Da deutsche Haushalte nur halb so viel Strom verbrauchten wie amerikanische, hätten diese Extrakosten in der Öffentlichkeit keinen Aufschrei ausgelöst, sagt Claudia Kemfert. Sie geht davon aus, dass die Hälfte der Deutschen das System befürwortet. Alles in allem kostete es die Bundesrepublik 2008 aber acht Milliarden Euro oder 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Viel wichtiger aber ist die Frage: Warum sollte man sich überhaupt mit Einspeisevergütungen aufhalten? Viele Ökonomen befürworten entweder eine „Carbon Tax“, also eine direke Besteuerung fossiler Rohstoffe, oder ein Emissionshandelssystem für Treibhausgase, in dem Energieerzeuger Zertifikate kaufen müssen, um fossile Brennstoffe verbrennen zu dürfen. „Es wäre besser, braune Energie zu besteuern als grüne zu subventionieren“, sagt Severin Borenstein. Kohle verursacht von allen Energieträgern die meisten CO2-Emissionen. Sowohl in den USA als auch in Deutschland stammt die Hälfte des Stroms aus Kohlekraftwerken. Das Hauptziel müsse daher sein, Kohlekraft auslaufen zu lassen, sagt Borenstein. Indem man ihr einen Preis gebe, könnte der Markt entscheiden, welche Form von erneuerbaren Energien hinsichtlich der Kosten am meisten brächten. Das sei effizienter, als den Staat Preise festsetzen zu lassen.
Allerdings sind in den USA derzeit weder ein Emissionshandelssystem noch eine Carbon Tax politisch durchsetzbar. Wäre also eine landesweite Einspeisevergütung doch die bessere Alternative? Oder wäre sie politisch ebenso zum Scheitern verurteilt, weil durch sie die Strompreise steigen würden? Um dafür zu werben, müssten Politiker die amerikanische Öffentlichkeit überzeugen, dass erneuerbare Energie die Mehrkosten wert ist und dabei auf Deutschland als Vorbild verweisen.
Tatsächlich zeigt das deutsche Beispiel, dass ein großes Industrieland ehrgeizige Ziele erreichen kann, indem die Verbraucher für die Ausweitung sauberen Stroms zahlen. Deutschland geht davon aus, dass 2030 der Löwenanteil der Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen stammen wird. Die USA hingegen gewinnen zurzeit nur sieben Prozent ihres Stroms aus solchen Quellen, den größten Teil aus schon lange existierenden Wasserkraftwerken.
Die wirkliche Bedeutung des deutschen Konzepts könnte aber eher darin liegen, die Weltenergiewirtschaft in eine neue Richtung gestoßen zu haben, als darin, ein Modell für andere Länder zu sein. Man kann Deutschland hier mit den „Early Adopters“ neuer technischer Spielzeuge vergleichen, die oft absurd hohe Preise zahlen, obwohl sie genau wissen, dass andere ein paar Jahre später eine verbesserte Technologie für weniger Geld bekommen werden.
Nehmen wir die Veränderungen im Markt für Windenergie: Noch 2006 war Deutschland mit einer Gesamtleistung von 20,6 Gigawatt mit Abstand der größte Windpark der Welt. Dieses Ausmaß ließ die Kosten von Windkraftanlagen sinken, und Windenergie näherte sich allmählich der Netzparität, bei der eine Kilowattstunde Windstrom nicht mehr kostet als eine Kilowattstunde fossiler Strom. 2009 zogen die USA und China schließlich bei der Windenergiekapazität an Deutschland vorbei – zu viel attraktiveren Preisen.
Dasselbe scheint nun auch, teilweise dank der deutschen Vorarbeit, beim Solarstrom zu passieren: Allein im vergangenen Jahr sanken die Preise für Solarmodule um 40 Prozent. Die Kritiker haben Recht, wenn sie sagen, dass die deutschen Ausgaben für erneuerbare Energien hochgradig ineffizient waren. Deutschland hat es aber geschafft, den Weltmarkt anzustoßen und zu demonstrieren, dass erneuerbare Energietechnik ein Riesengeschäft sein kann, in das zu investieren sich lohnt. Deshalb müssen die USA nicht mehr das deutsche Experiment wiederholen, um dessen Früchte zu ernten.
Evan Schwartz ist Autor und Journalist. Er produzierte die TV-Dokumentation „Save by the Sun“, die sich unter anderem mit der deutschen Solarförderung beschäftigt.
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