Seit Wochen protestieren in Deutschland zahlreiche Studentinnen und Studenten gegen Studiengebühren und schlechte Arbeitsbedingungen. TR sprach mit Anja Gadow, Mitglied im Vorstand der Studierenden-Organisation "freie zusammenschluss von studentInnenschaften" (fzs) über die studentischen Forderungen, die Qualität der Universitätsausbildung und die Perspektiven des Protestes. Der fzs ist ein studentischer Dachverband der Verfassten Studierendenschaften und ähnlicher Studierendenvertretungen in Deutschland. Er vertritt nach eigenen Angaben auf Bundesebene die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen von rund einer Million Studierenden an rund 90 Hochschulen.
TR: Wie zufrieden sind Sie denn mit den bisherigen Aktionstagen?
Anja Gadow: Die Aktionstage waren super. Hätte natürlich noch besser sein können.
TR: Aber was bringt es? Sie scheinen ja im Moment nur noch Freunde zu haben - alle sagen, Ihr Protest sei berechtigt. Aber ändern tut sich nichts, oder?
Gadow: Das werden wir ja sehen. Wenn wir jetzt die allgemeine Betroffenheit haben, muss der nächste Schritt natürlich auch sein, dass die Politik auch Änderungen umsetzt. Wenn alle sagen, es sei super, dass wir protestieren, ist damit ja auch ein gewisses Schuld-Eingeständnis verbunden. Also können wir sie wesentlich besser noch als bisher darauf festnageln, dass sie tatsächlich etwas umsetzen müssen.
TR: Wo liegen denn Ihrer Meinung nach die Haupt-Probleme? Und was müsste vordringlich geändert werden?
Gadow: Wir brauchen mehr Geld im Bildungssystem. Wir brauchen keine Studiengebühren, der Lehrprozess muss entrümpelt werden, die Prüfungslast muss runter, Leistungsdichte muss rausgenommen und Selektionshürden müssen abgebaut werden.
TR: Lehnen Sie denn die Bologna-Reform grundsätzlich ab, oder halten Sie das System von Bachelor und Master für reformierbar?
Gadow: Das muss reformierbar sein. Denn wenn man sich das alte System anschaut - mit dem gab es auch diverse Probleme. Von daher hilft hier nur eine Reform der Reform.
TR: Welche Probleme gab es denn früher?
Gadow: Da gab es gar keine Struktur. Nicht dass ich die verschulte Struktur jetzt sinnvoll fände, aber früher gab es viele Studiengänge, in denen die Studierenden sich einfach selbst überlassen wurden. Dahin will schon mal nicht zurück. Und außerdem würde die Abschaffung von Bachelor und Master ja nicht automatisch bedeuten, dass auch die Studiengebühren wegfallen. Drittmittel wären damit nicht abgeschafft, Stiftungshochschulen - die ganze Verwertungslogik würde ja so bleiben. Von daher hilft auch ein einfaches Abschaffen von Bologna nicht.
TR: Verwertungslogik ist ein interessantes Stichwort. Es gibt Leute, die sagen, Deutschland solle sich mehr an den Elite-Universitäten der USA orientieren. Die arbeiten ja nun sehr stark markt-orientiert. Glauben Sie, dass das funktioniert?
Gadow: Nein. Man sieht ja gerade jetzt in der Wirtschaftskrise, dass es den Elite-Unis in den USA nicht mehr so gut geht. Also kann man nicht davon ausgehen, dass dieses Prnzip automatisch sinnvoll ist. Wir stehen eher für eine Breitenförderung. Das heißt, dass man die Hochschulen generell ausfinanzieren muss. Dann kann die Hochschule natürlich ein eigenes Profil erarbeiten. Dabei sollte sie sich aber nicht zu stark auf die Wirtschaft fokussieren, das schafft Ungerechtigkeit. Die Geisteswissenschaften schneiden ja in der Regel gerade bei der Drittmittel-Vergabe immer sehr schlecht ab. Weil deren Ergebnisse ja oft nicht direkt verwertbar sind.
TR: Sie selber studieren Pharma- und Chemietechnik. Würden Sie denn aus Ihrer eigenen Erfahrung heraus sagen, dass genug getan wird, um den technisch-wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern?
Gadow: Nein. Es wird weder in der frühkindlichen Bildung noch später in der Schule genügend auf Naturwissenschaften eingegangen. Und wenn man sich die Studiengänge selbst anschaut, dann sieht man ja, wie hoch die Abbrecherquoten sind. Da kann man auf alle Fälle noch viel tun.
TR: Was müsste denn getan werden?
Gadow: Die Prüfungslast muss runter. Dazu brauchen wir eine sinnvolle Modularisierung und Kompetenz-Orientierung. Das bedeutet, ich muss für den Kompetenz-Erwerb das Verstehen voraussetzen. Dann brauche ich auch keine zehntausend Prüfungen mehr. Dann reicht auch für wirklich große Module eine kurze Prüfung. Denn es geht ja nicht darum, stundenlang in einer Klausur zu sitzen, sondern eben die Kompetenz abzuprüfen.
Und dann ist es natürlich notwendig, die Studiengänge zu entschlacken - also gucken, was man wirklich braucht. Im Moment ist es ja so, dass die Inhalte der alten Studiengänge - mit zehn Semestern - auf sechs Semester verteilt werden. Und das kann nicht funktionieren.
TR: Was bedeutet das konkret?
Gadow: Früher war das so, dass die Professoren einen Lehrauftrag hatten. Das heißt, die haben ihren Stoff vorgetragen, und das konnte man dann verstehen oder auch nicht. Aber der Lehrauftrag war ja nur, das Thema zu erklären. Jetzt ist es so, dass Kompetenzen vermittelt werden sollten. "Teaching to learn" nennt sich das so schön im Bologna-Sprech. Das heißt, man schreibt in die Modulhandbücher rein: Nach diesem Modul soll der Studierende diese und jene Fähigkeit anwenden können. Das muss man dann abprüfen. Wenn ich also Mathematik als Bespiel nehme: Das könnte ich zu einem Modul "mathematisch naturwissenschaftliche Grundlagen" zusammenfassen. Da muss ich nicht für jede Vorlesung eine eigene Prüfung machen.
TR: Wenn man aber die Zahl der Prüfungen reduziert, steigt dann nicht der Druck in den einzelnen Prüfungen?
Gadow: Nicht, wenn man wirklich die Kompetenz prüft. Man muss ja nicht für jede Prüfung eine Klausur schreiben. Es wäre ja auch möglich, Präsentationen vor der Gruppe zu werten. Oder die Moderation einer Diskussion. Das wäre für die Entwicklung von Sozialkompetenzen in den so genannten MINT-Fächern sicherlich auch nicht das Schlechteste.
TR: Wie geht's jetzt weiter?
Gadow: Die bisherigen Demonstrationen waren erst der Auftakt. Am 24. November mobilisieren wir zur Sitzung der Hochschulrektorenkonferenz. Und am 10. Dezember soll die Kultusminister-Konferenz, die dann ihre nächste Sitzung hat, zum Nachsitzen verdonnert werden. Dazwischen gibt es viele Aktionen an den Hochschulen vor Ort. Was die Gesprächsbereitschaft der Politik angeht, da muss man abwarten.
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