"Der Desktop ist nicht tot"
08.10.08 – Erica Naone
Als Forschungs- und Strategiechef von Microsoft hat Craig Mundie ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, was die Zukunft des PCs anbetrifft. Seit Bill Gates im Juli offiziell in Frührente gegangen ist, geben Mundie und der leitende Software-Architekt des Konzerns, Ray Ozzie, die technische Richtung vor. Technology Review sprach mit Mundie über die Rolle, die er für neue Technologien wie das Cloud Computing sieht, über die in Zukunft immer mehr Daten ins Internet verlagert werden sollen.
Technology Review: Herr Mundie, die Leute sprechen inzwischen oft davon, dass immer mehr Desktop-Anwendungen ins Internet wandern, also von überall her per Web-Browser abgerufen werden können. Sehen Sie das selbst als das "Next Big Thing"?
Craig Mundie: Meine Sicht der Dinge ist, dass die nächste große Veränderung eher zu einer Kombitechnologie führen wird, bei der die Internet-Plattform mit einer fortschrittlichen Client-Plattform verbunden ist, also Desktops, Laptops, Mobiltelefone und andere Geräte gemeinsam unterstützt. Wir werden dafür eine einheitliche Programmierungsarchitektur sehen, die all diese Dinge abdecken wird.
TR: Welche Programmiertechniken werden benötigt, um so viele Geräte und Prozessoren zu unterstützen, die parallel zueinander betrieben werden?
Mundie: Viele der Grundsätze, mit denen heute programmiert wird, werden bereits seit Jahrzehnten eingesetzt und funktionieren nicht mehr sehr gut. Traditionelle prozessorientierte Programmiersprachen tendieren dazu, die Tatsache zu leugnen, dass die meisten Probleme eigentlich mit parallelen Ansätzen gelöst werden müssen – das liegt oft an der Struktur der Sprachen. Programme zu schreiben, die auf immer größeren Plattformen und verteilten Umgebungen laufen, ist ein weiteres Problem. Wir brauchen bessere Werkzeuge für das Debugging und müssen künftig Routinen einbauen, die die Funktionstüchtigkeit unserer Algorithmen nachweisen. Das wird uns erlauben, solche Herausforderungen auch anzunehmen. Und was man nicht vergessen darf: Letztlich geht es überhaupt darum, neue Anwendungen zu schaffen.
TR: Wie hat man sich diese neuen Anwendungen vorzustellen?
Mundie: Es wird eine Klasse von Programmen geben, die alle intelligenten Clientsysteme im Leben des Kunden ganz natürlich einbeziehen. Heute kann man ein Handy, ein Auto, einen Fernseher, eine Spielekonsole, einen Laptop und einen Desktop kaufen – und wenn man die gleichen Dinge auf all diesen Geräten erscheinen lassen will, ist das eine Übung für sich. Es ist einfach noch viel zu schwierig. Wir sollten dabei eher an eine Anzahl unterschiedlicher Clients denken, die mit einer Sammlung Web-basierter Dienste verbunden ist. Alles arbeitet zusammen. Dann erhält man eine viel bessere Nutzererfahrung. Dann kann man beispielsweise seine Musik auf all seinen Geräten nutzen, egal wo man sich gerade befindet.
TR: Das klingt sehr nach dem Microsoft-Projekt "Live Mesh".
Mundie: Das ist ein perfektes Beispiel dafür. Ray Ozzie arbeitet schon seit mehreren Jahren daran, eine Cloud-Plattform zu erstellen, die zu den immer intelligenter werdenden Client- und Multiclient-Plattformen passt. Sie wird gemeinsame Datendienste und Prozesse liefern, die man dann auf jedem der beteiligten Clients abonnieren kann. Das ist in der Tat einer der ersten sichtbaren Teile der Kombiplattform, die wir nach vorne bringen wollen.
TR: Die Leute sprechen über Cloud Computing in Form von "Software as a Service". Die Idee dabei ist, dass die Software über die Wolke namens Internet zu den Nutzern gelangt. Das scheint aber nicht Ihre persönliche Ansicht zu sein.
Mundie: Diejenigen, die sagen, "Hey, Software ist gerade zu einer Dienstleistung geworden!", leiden unter der Fehlinterpretation, dass das Computing-Modell, das wir heute haben, ausgereift ist und sich nicht weiterentwickelt. Deshalb denken sie, dass man einfach die sich ständig verbessernden und immer billiger werdenden Kommunikationskapazitäten nutzen sollte, um die notwendige Rechentechnik in die Mitte des Netzes zu bringen. An den Rändern gäbe es dann Maschinen, die nur noch ein bisschen Intelligenz bräuchten, damit die Präsentation stimmt.
TR: Sie nutzen deshalb den Begriff "Software plus Dienste". Was meinen Sie damit?
Mundie: Es gibt Dinge, die wertvoll sind, wenn man sie in der Wolke konzentriert und als Dienst präsentiert. Wenn man sich jedoch die fortschrittlichsten Anwendungen ansieht, und das gilt sogar für diejenigen, die Web-orientiert sind, dann hängen sie mehr und mehr von intelligenten Client-Komponenten an. Der Grund dafür liegt höchstwahrscheinlich darin, dass Bandbreite nicht unendlich verfügbar ist und sicherlich nicht immer greifbar. Billig ist sie auch nicht. Das könnte sich zwar eines Tages ändern, doch gibt es immer noch das physikalische Problem der Latenz.
Wir werden deshalb eine neue Anwendungsklasse sehen. Ich sage, dass es wenig sinnvoll ist, zu viele Daten und Rechenleistung in die Wolke zu verlagern, nur damit sie dann über die Leitung zurück auf meinen Rechner kommen, um mit mir zu kommunizieren. Ultimativ führt uns das zurück zu dieser Kombiplattform, in der es genau ausbalancierte Rollen gibt – zwischen den Dingen, von denen man erwartet, dass sie in der Cloud passieren und den Dingen, die der Client selbst beherrscht.
