Fortsetzung von Teil 1.
2003 stellten sich große Teile der damals noch recht kleinen Gemeinde der Altersforscher die Frage, wie sich Gene wie SIRT1, die die Lebensdauer regulieren, aktivieren lassen. Gab es eine Medikamentenmischung, die sich als Pille herstellen ließ? Elixir Pharmaceuticals und andere Firmen und Labore untersuchten Tausende von Chemikalien darauf, ob sie sich als Genaktivator eigneten, doch kein Wirkstoff schien zu funktionieren.
Im Februar 2003 arbeitete der Biologe David Sinclair in seinem kleinen, noch schlecht finanzierten Labor an der Harvard Medical School, als er hörte, dass Forscher bei der Biotechfirma Biomol Research in Pennsylvania bemerkt hatten, dass sich SIRT1 von bestimmten Polyphenolen aktivieren ließ, darunter Resveratrol aus Rotwein. Sinclair und Konrad Howitz, Biomols wissenschaftlicher Direktor für molekulare Biologie, arbeiteten also zusammen daran, Resveratrol zu isolieren und es an Hefepilzen und Fluchtfliegen zu testen. "In meinen wildesten Träumen hätte ich nicht gedacht, dass wir einen Aktivator finden würden", erzählt Sinclair.
Ein Interview, das er 2004 mit "Science" führte, beförderte seine Reputation als fanatischer Lebensverlängerungs-Forscher noch weiter: Er nannte Resveratrol einen Stoff, der einem "Wundermolekül" sehr nahe käme. "In 100 Jahren werden die Menschen diese Substanz täglich einnehmen, um Herzerkrankungen, Schlaganfälle und Krebs zu verhindern."
Im gleichen Jahr veröffentlichten zwei Ex-Studenten von Sinclairs ehemaligem Mentor Lenny Guarente, die mit ihm einst in einem Labor arbeiteten, eine Studie, in der sie die Grundlagen von Guarentes Hypothese bezweifelten, dass Kalorienreduktion zu einer Aktivierung des Anti-Alterungsgens Sir2 führt. Auch Sinclairs Theorien wurden kritisiert. ("Ich habe unabhängig denkende Studenten", sagt Guarente dazu mit einem ironischen Lächeln.)
Guarentes Ex-Mitarbeiter Brian Kennedy und Matt Kaeberlein, die heute Biologen an der University of Washington sind, schreiben in dem Paper, die Kalorienreduktion könne die lebensverlängernden Effekte auch dann auslösen, wenn keine Sirtuine vorhanden sind – die Enzyme also, die von Sir2 und seinen Säugetierentsprechungen wie SIRT1 produziert werden. Weitere Studien, die danach erschienen, gingen Sinclairs Idee, Resveratrol würde die Kalorienreduktion nachahmen, in dem es Sirtuine aktiviert, noch direkter an. Peter DiStefano, Co-Autor einer dieser Studien und Forschungschef von Elixir, meinte 2005, dass Resveratrol erstaunliche Dinge vollbringen könne, aber wahrscheinlich kein SIRT1-Enzym-Aktivator sei.
Diese Skepsis hielt Sinclair jedoch nicht von seiner weiteren Arbeit ab. 2004 begann er damit, Beweise dafür zu suchen, dass Resveratrol tatsächlich einige Auswirkungen der Kalorienrestriktion nachahmt. Zusammen mit Rafael de Cabo vom "National Institute on Aging" prüfte er den Stoff an Mäusen.
Die Nager leben normalerweise zwischen zwei und drei Jahren, 2005 waren Sinclairs Versuchstiere ein Jahr alt. Schon damals gab er sich hocherfreut, weil die mit Resveratrol gefütterten Tiere gesünder als die Kontrollgruppe erschienen, ihre Zellen alterten außerdem erstaunlich langsam, obwohl ihnen eine fetthaltige, ungesunde Diät vorgesetzt wurde. Als die Studie zu diesen Versuchen im Jahr darauf in "Nature" erschien, untermauerten die Resultate die Annahmen von Sinclair über die Wirkung von Resveratrol bei Säugetieren. Sie zeigten, dass Mäuse trotz sehr fettem Futter mit einer hohen Dosis Resveratrol genauso gesund sein konnten, wie Mäuse mit regulärem Futter. Zudem verbesserte der Stoff auch die Insulin-Empfindlichkeit und die Energiebereitstellung bei den Tieren.
Die Mäuse erhielten allerdings eine sehr hohe Dosis Resveratrol – 22 Milligram pro Kilogramm Gewicht. Im Vergleich dazu enthält ein Liter Rotwein nur zwischen 1,5 und 3 Milligramm. Um eine ähnlich hohe Menge aufzunehmen, müsste ein 75 Kilogramm schwerer Mensch rund 1500 Flaschen oder große Mengen an Pillen pro Tag zu sich nehmen.
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