Sinclairs Studie kam wenige Tage nach einer Untersuchung aus dem Labor von Johan Auwerx vom Institut für Genetik, Molekular- und Zellbiologie im französischen Illkirch heraus. Auwerx' Team, das teilweise von Sirtris mitfinanziert wurde (der Wissenschaftler sitzt auch im Forschungsbeirat des Unternehmens) hatte Mäusen noch eine wesentlich höhere Dosis Resveratrol verpasst – 400 Milligramm pro Kilo. Diese Mäuse blieben selbst bei einer hochgradig fetten Diät schlank und rank – mit einer Muskelenergie und einem reduzierten Herzschlag, wie man ihn von Sportlern kennt. Die Zahl der Mitochondrien in ihren Zellen nahm zu, was den Zellenergie-Output steigerte.
Sinclairs und Auwerx' Erfolge bei der Lebensverlängerung und Gesunderhaltung von Mäusen besänftigte die Kritiker, die meinten, Resveratrol würde bei Säugetieren nicht funktionieren. "Beide Studien sind sehr aufregend", meint Kaeberlein. Es sei "ziemlich klar", dass Resveratrol bestimmte Proteine verändere, etwa in den Mitochondrien, die mit der Energieproduktion zu tun hätten. Nun müsse die Studie allerdings auch mit Tieren wiederholt werden, die eine normale Ernährung erhielten, schließlich hätten sich die Forscher auf besonders fettreiche Kost konzentriert.
Dass Resveratrol ein Aktivator für das SIRT1-Enzym ist, will Kaeberlein zudem noch immer nicht glauben. "Wir konnten die Arbeit aus dem Sinclair-Labor bei Hefe nicht nachvollziehen." Bei Fliegen, Würmern und anderen Tieren seien die Ergebnisse unterschiedlich gewesen. Auch Sir2 sei nicht unbedingt der Weg, über den die Kalorienreduktion zu einem längeren Leben von Hefezellen führe: "Sir2 reguliert die Langlebigkeit – und auch die Kalorienreduktion reguliert sie." Das heiße aber nicht, dass eine Kalorienreduktion die Lebensdauer durch die Aktivierung von Sir2 erhöhe.
Andere Kritiker geben zu bedenken, dass noch unklar ist, ob Resveratrol tatsächlich beim Menschen wirkt. Der Harvard-Biologe Lloyd Demetrius meint, dass die evolutionären Kräfte, die die Lebensspanne regulieren, bei Mäusen und Menschen so radikal anders seien, dass Mechanismen, die bei Mäusen zu einem verlangsamten Altern führen, bei Menschen nur geringe Auswirkungen hätten. Der Forscher hat bislang nur die Kalorienreduktion untersucht, Resveratrol noch nicht. Die chemische Brauchbarkeit des Stoffes in Form eines Medikamentes sei jedoch nicht bewiesen: "Ich denke, dass die Auswirkungen auf das maximale Lebensalter von Menschen bei nahezu null liegen werden."
Ein Gläubiger
Ein Konvertit hin zu Sinclairs Sicht der Welt ist hingegen Christoph Westphal, zu jener Zeit Partner bei Polaris Venture Partners in Waltham. Obwohl erst 35 Jahre alt, hatte er zu dieser Zeit bereits zwei inzwischen an der Börse gehandelte Unternehmen gegründet – Momenta Pharmaceuticals und Alnylam Pharmaceuticals, beides Biotech-Start-ups in Cambridge, die neue Medikamente entwickelten. Westphal sah das Paper und schrieb Sinclair sofort eine Mail, der bereits daran arbeitete, eine Firma zu gründen. Sinclair hatte zwar jemand anderen für den CEO-Posten im Auge, doch er und Westphal verstanden sich sofort.
"David war jung und umstritten", erzählt Westphal, "die Hälfte der Leute dachte, er wäre verrückt und man schlug ständig auf ihn ein. Ich jedoch sah etwas in ihm und glaubte an seine Forschung." Westphal und Sinclair sind nun enge Freunde – mit benachbarten Tischen in einem kleinen Büro bei Sirtris. Sinclair verbringt seine Samstage in der Firma und bringt häufig seine zwei älteren Kinder mit, damit sie mit Westphals zwei Kindern spielen. Sinclair sagt, dass er mit Westphal täglich 50 E-Mails austauscht.
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