Der Kult geht weiter
21.11.12 – Klaus Sieg
Als einziger deutscher Hersteller ist Leica am Fotomarkt erfolgreich. Dabei wäre die digitale Revolution fast an dem Traditionsunternehmen vorbeigegangen.
Mit keinem anderen Namen werden Leica-Kameras so häufig in Verbindung gebracht wie mit Henri Cartier-Bresson. Seine erste Leica hatte er 1932 in Marseille erstanden. Seitdem nutzte der legendäre Fotograf fast ausschließlich die handlichen Kleinbildkameras der M-Reihe. Nur mit ihnen und einem 50-mm-Standardobjektiv ausgerüstet, fotografierte er die meisten seiner weltberühmten Bilder – der kleine Junge mit den zwei großen Weinflaschen auf der Rue Mouffetard, der Sprung über eine Pfütze am Place de l’Europe oder Jean-Paul Sartre mit Pfeife am Ufer der Seine. Henri Cartier-Bresson starb vor acht Jahren. Der Kult um Leica-Kameras aber ist ungebrochen.
„Wo man sie einsetzen kann, erzielt sie unschlagbare Ergebnisse“, sagt der Fotograf Bertram Solcher. Der Spezialist für Medizinfotografie spricht von Situationen, in denen es darum geht, Menschen unauffällig zu beobachten, von klassischer Reportagefotografie wie etwa bei seiner jüngsten Arbeit in einer Station für Geriatrie. Die Geräte der M-Reihe sind auch heute noch Sucherkameras mit wenig Automatikfunktionen. Sie sind klein und lösen leise aus. „Man kommt den Menschen nicht mit einem Brikett vor dem Kopf entgegen“, sagt Bertram Solcher. Die extrem lichtstarken Objektive erzeugen kaum Vignettierung, also eine Abdunklung der Bildränder.
So viel Lob vom Kunden – da scheint es kaum erstaunlich, dass sich das hessische Unternehmen in diesem Jahr auf der Kölner Photokina selbstbewusst auf 5000 Quadratmetern präsentierte. Doch das war nicht immer so. Lange Zeit hatte der Kamerahersteller nichts zu feiern. Bis vor zwei Jahren musste er immer wieder Verluste melden, zum Teil in zweistelliger Millionenhöhe, viele Stellen wurden gestrichen. Der Konkurs schien kurz bevor zu stehen. Wie konnte das Traditionsunternehmen in eine solche Schieflage geraten? Und wie ist es ihm gelungen, aus dieser Krise zu seiner alten Stärke zurückzufinden?
Leica-Kameras stammen aus den Laboren der Wetzlarer Firma Leitz, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit ihren verzerrungsfreien Mikroskopen Weltruf erarbeitet hatte. 1925 präsentierte das Unternehmen mit dem Urtyp der Leica M die erste Kleinbildkamera der Welt. Sie war eine Erfindung des Mitarbeiters Oskar Barnack, der aus 35-mm-Kinofilmmaterial den Kleinbildfilm entwickelt hatte. Um dieses Filmformat herum konstruierte er einen Belichtungsapparat mit festem Verschlussablauf und fester Brennweite. Der Siegeszug der ersten Schnappschusskamera konnte beginnen.
(wst)
