Der hochbegabte Mathematiker macht allerdings nicht an der Universität Karriere, sondern, nach kurzem Zwischenspiel als Dozent an der Universität Genf, in einer Hochburg der industriellen Forschung - am legendären Thomas J. Watson Research Center von IBM in Yorktown Heights bei New York. Wegen herausragender Leistungen - unter anderem hilft er, die Qualität integrierter Schaltkreise erheblich zu verbessern - wird er 1975 zum IBM Fellow gekürt. Eine Auszeichnung, die ihm erlaubt, mit großzügigem Budget und im Herzen des weltweit größten Computerherstellers zu forschen, wie und was er will. Vorlesungen halten? Diplomarbeiten betreuen? Knappe Forschungsmittel auftreiben? Die Nöte eines Universitätsprofessor kennt ein IBM Fellow nicht.
Nur insgesamt 180 IBM-Mitarbeiter wurden seit 1961 in diesen wissenschaftlichen Olymp berufen. "Bei IBM konnte ich arbeiten wie ein Dichter im Garten", sagt Mandelbrot. Noch heute besucht er seine alte Wirkungsstätte fast täglich, beschäftigt eine Vollzeit-Sekretärin, geht mit den jüngeren Forschern essen oder trifft sich im Physik-Department zum Freitags-Tee.
Eigentlich sei Mandelbrot ja seit 1993 emeritiert, sagt Greg Chaitin, sein früherer IBM-Kollege und selbst ein weltberühmter Mathematiker: "Aber er kommt so häufig wie eh und je. Er ist eine Inspiration für uns alle." Als Wissenschaftler sei Mandelbrot "unkonventionell und sehr interessiert" gewesen. Und als Mensch? Nachdenkliches Schweigen dringt durch das Telefon. "Schwer zu sagen", entschuldigt sich Chaitin. "Er führt ein solides Leben und eine glückliche Ehe." Neben IBM ist seine Frau die zweite Konstante in Mandelbrots Leben. Seit fast 50 Jahren sind Aliette und Benoît Mandelbrot verheiratet. Sie ist ihm in die USA gefolgt und hat die beiden Kinder großgezogen. Wie auf so viele Dienstreisen hat sie, nur wenige Jahre jünger als er, ihren Mann auch ins Kloster Seeon begleitet und weicht ihm nicht von der Seite. Sie bestellt für ihn das Essen, holt ihm während des Interviews ein Glas Wasser und anschließend ein frisches Hemd sowie die rote Krawatte, bevor der Fotograf zum Shooting bittet. Sie hält sich im Hintergrund - und ihm den Rücken frei. Welche anderen Menschen ihn auf seinem Lebensweg unterstützten? "Keine. Nur meine Frau und ich mich selber", sagt Mandelbrot.
Die große Freiheit bei IBM beflügelt Mandelbrots mathematische Kreativität. Hier entwickelt er jene Theorie, die es später zu Kultstatus bringen wird - die fraktale Geometrie.
In der traditionellen euklidischen Geometrie waren bis dato lediglich ganzzahlige Dimensionen bekannt. Vergrößert man beispielsweise eine euklidische Kurve der Dimension "1", sieht sie mehr und mehr wie eine Gerade aus. Ganz anders dagegen Kurven, wie sie beispielsweise Küstenlinien beschreiben. Von einem Satelliten aus betrachtet, erscheinen sie noch sanft und rund. Zoomt man die Gestade allerdings heran, verstärkt sich das Zickzack aus Buchten und Kaps, aus Flussmündungen und Landzungen, aus Felsvorsprüngen und Feldeinschnitten.
Das Überraschende dabei: Die Kontur jedes noch so kleinen Ausschnitts gleicht der gesamten Küstenlinie. Diese Selbstähnlichkeit ist ein Hauptmerkmal fraktaler Geometrien. Anders als bei einer euklidischen Kurve hängt die Länge einer fraktalen Kurve damit von der Auflösung ab, aus der Ferne betrachtet wirken sie kürzer, als sie tatsächlich sind. Die euklidische Vorstellung ganzzahliger Dimensionen greift daher nicht mehr, denn die Küsten schlängeln sich auf einer Linie, die sich niemals schneidet, und bedecken auf diese Weise eine begrenzte Fläche.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 01/2005 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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