Für das jüngste "The (Mis)behavior of Markets" erhielt er auf der Frankfurter Buchmesse sogar den "Wirtschaftsbuchpreis 2004". Darin rollt er aus fraktaler Perspektive die Volatilität der Aktienmärkte auf. Die traditionelle Wirtschaftstheorie hat dafür keine ausreichende Erklärung. Und während die Börsen noch über den Wert fraktaler Dimensionen für ihr Gewerbe streiten, präsentiert Mandelbrot bereits seine nächste Idee: negative Dimensionen. Eigentlich gibt es nur eine leere Menge in der Mathematik. Doch er will nun beweisen, dass es Mengen gibt, die noch leerer sind.
Der Boom um die fraktale Geometrie ist allerdings vorbei. "Man kann dem, was in den 80er Jahren erforscht wurde, nichts mehr hinzufügen", sagt Fritz Haake, Professor für Theoretische Physik an der Universität Duisburg/Essen. "Junge Doktoranden locken wir heute in andere Themen."
Vielleicht mangelt es auch deshalb nach wie vor an technischen Umsetzungen. Zwar versprachen selbstähnliche Modulationen einst neue Impulse für die Videokompression. Doch moderne Verfahren nutzen inzwischen andere Methoden. Auch den Fraktalantennen, die laut Herstelleraussagen einen geringeren Platzbedarf bei gleicher Empfangsqualität benötigen, gelang der Durchbruch bislang nicht. "Um Fraktalantennen einzusetzen, bedarf es noch viel Grundlagenforschung", heißt es bei Siemens.
Auf Zweifel an der Relevanz der fraktalen Geometrie reagiert Mandelbrot ungehalten. Plötzlich rudert seine Hand durch die Luft, als ob sie unheimliche Geister verscheuchen müsste, und seine Stimme verliert ihren selbstsicheren Klang, als er unerwartet in die Defensive gerät. Erst langsam beruhigt er sich wieder.
Sein ungehobeltes Verhalten gegenüber Nebenbuhlern ist in Forscherkreisen Legende. Mit Gene Stanley, einem Physiker an der Boston University, geriet er 1996 in einer Konferenz über die Frage, wer zukünftig den Vorsitz übernehmen solle, so lautstark aneinander, dass die Veranstaltung unterbrochen werden musste. Die Mathematiker Robert Brooks und Peter Matelski, die die Mandelbrot-Menge etwa zur gleichen Zeit wie er zu Papier gebracht hatten, griff er öffentlich an mit dem Vorwurf, lediglich eine "Rohfassung" der Menge produziert und "keinen Gedanken" an ihre besondere Natur verschwendet zu haben. "Mandelbrot kann mitten in einer von Kollegen gehaltenen Vorlesung plötzlich aufstehen und reklamieren, dass er dieselbe Arbeit bereits vor zehn Jahren erledigt hat", berichtet ein Wissenschaftler, der ihn persönlich erlebte. "Er kann wirklich ziemlich aggressiv sein."
Mandelbrot schert all das nicht. Im Gegenteil. Als Vorbild hat er sich einen Cowboy gewählt, den er in den 50er Jahren im US-Fernsehen kennen lernte. Gespielt von James Garner zog Serienheld Bret Maverick - der Name bedeutet "Einzelgänger" oder auch "Rind ohne Brandzeichen" - als Glücksspieler und Revolverheld von Stadt zu Stadt und von Saloon zu Saloon, ohne sich um die Konventionen seiner Mitmenschen zu scheren.
Mandelbrot hängt dieser Form von Freiheit, die er in Europa nie gefunden hatte, bis heute nach. "Ich bin ein Maverick", beteuert er. Nur dass sein Wilder Westen nicht in Texas liegt. Sein Wilder Westen ist die Wissenschaft.
(entnommen aus Technology Review Nr. 1/2005; das komplette Heft können Sie hier bestellen)
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 01/2005 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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