Foto: Dagmar Schwelle
Deutschland im Sommer 2006. Seit über einem Jahrzehnt wird über das vermeintliche "Innovationsdefizit" der Bundesrepublik geklagt. Das Land trete auf der Stelle, laufe Gefahr, den internationalen Anschluss zu verlieren, warnen Wirtschaftsexperten. Nicht zu Unrecht: 4,4 Millionen Arbeitslose und immer weniger Firmengründungen im Hightech-Bereich über die vergangenen 3 Jahre sprechen für sich und gegen die Innovationskraft der Dichter und Denker.
Und doch gibt es im Land durchaus Leute, die den Mut haben aus einer guten Idee ein Geschäft zu machen - Innovatoren also. Und wie es aussieht, werden sie mehr: "Ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren eine Gründerwelle erleben werden", sagt Falk Strascheg, einer der ersten Wagniskapital-Profis Deutschlands. Tatsächlich hat das Geschäftsklima für Investitionen in junge Unternehmen im ersten Quartal dieses Jahres einen Rekordstand erreicht.
Es ist schwierig, ein Land zu finden, in dem es mehr Erfinder pro 100 Einwohner gibt als hier. Konzernforscher, Garagenfrickler, Selfmade-Millionäre, verkannte Geister, unter Verfolgungswahn leidende Halbgenies, Serien-Erfinder: In jedem Bereich hat Deutschland etwas zu bieten. Regierungspolitikern, gleich welcher Parteizugehörigkeit, ist schon vor Jahren aufgefallen, dass sich aus diesem Potenzial mehr herausholen lassen müsste als das niedrigste Wirtschaftswachstum aller europäischen Länder. Schon im Wahljahr 1994 sollte die erste "Innovationsoffensive" starten. Im folgenden Jahrzehnt wurde "Strategie-" und "Technologieräte" formiert und eine Technologie- oder Innovationsinitiative nach der anderen gestartet. Zu Weihnachten 2003 erklärte der damalige Kanzler Gerhard Schröder das kommende 2004 zum "Jahr der Innovationen". Dann versprach Angela Merkel während ihres Wahlkampfs "zweite Gründerjahre" und lud Ende Mai den neu gegründeten "Rat für Innovation und Wachstum" zu einem ersten Treffen ein.
Erste Taten sind ihren Worten gefolgt: Der Bildungs- und Forschungsetat für das Jahr 2006 stieg um gut drei Prozent, bis 2010 soll es in jedem Jahr so weitergehen. Noch unter rot-grün wurde der Hightech-Gründerfonds ins Leben gerufen. Dem stehen 262 Millionen Euro von Staat und Industrieunternehmen zur Verfügung, um junge Technologie-Unternehmen zu fördern. Mehr Geld ist hilfreich, aber nicht alles - oft genug erschwert noch immer die Bürokratie den Weg zum Erfolg. Genauso oft steht aber nicht der Staatsapparat im Wege. Verstockte Entwicklungsabteilungen, denen nichts gut genug sein kann, was nicht aus ihren eigenen Labors kommt, verhindern so manche Innovation. Und Wo es Existenzgründern oft an Kapital oder Überzeugungskraft fehlt, mangelt es alteingesessenen Unternehmen häufig an Courage und Kultur, um Neuerungen zu fördern. Am wichtigsten jedoch, stellte schon Mitte der neunziger Jahre der "Erste Aktionsplan für Innovation in Europa" der EU-Kommission höchstamtlich fest, ist es, "eine wahre Innovationskultur zu fördern". Gut zehn Jahre und unzählige Innovationsinitiativen später gibt es ermutigende Anzeichen dafür, dass diese Botschaft nun endlich auch im Bewusstsein der Bevölkerung ankommt: In einer Datenbank von Artikeln aus wichtigen deutschen Zeitungen und Zeitschriften tauchte das Wort "Innovation" selbst im Internet-Hype-Jahr 2000 erst 3124 Mal auf; für 2005 liefert das Archiv 4483 Fundstellen, für das erste Halbjahr 2006 schon mehr als 2600. Nach einer Umfrage für die Initiative "Partner für Innovation" sehen mittlerweile 45 Prozent der Deutschen Innovationen als Grundlage für neue Arbeitsplätze.
Zusammenfassung aus Technology Review 08/2006. Das Heft ist ab dem 27. Juli im Handel oder portokostenfrei online zu bestellen.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 08/2006 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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