"Der böse Samurai ist schon tot, ohne es zu merken"
24.04.09 – Martin Koelling, Tokio
Dennis Meadows auf der Pressekonferenz zur Verleihung des Japan-Preises 2009
Dennis Meadows, 66, hat 1972 im Auftrag des Club of Rome die Studie „Grenzen des Wachstums“ erstellt, die in 38 Sprachen übersetzt und zig millionenfach verkauft wurde. In seinem Report sagte er voraus, dass die Grenzen des Wachstums in den nächsten 100 Jahren erreicht würden, wenn das Wachstum von Bevölkerung, Industrialisierung und der Umweltverschmutzung anhält. Als Alternative zum Kollaps suggerierte Meadows, dass nachhaltiges Wachstum möglich sei. Für seine Verdienste erhielt Meadows am gestrigen Donnerstag den hoch dotierten Japan-Preis der Stiftung für Wissenschaft und Technik. Vor seiner Preisverleihung nutzte Meadows, Professor Emeritus der University of New Hampshire, im Foreign Correspondent's Club of Japan die Gelegenheit, zur aktuellen Wirtschaftskrise und der kommenden Krise nicht nachhaltigen Wachstums Stellung zu beziehen.
Seine These: Wir stehen vor der Herausforderung, zwei historische Krisen auf einmal zu bewältigen. Erstens wird die Phase des Hochwachstums von einer harten und langen Phase des Abbaus von Produktionsüberkapazitäten abgelöst. Zweitens müssen wir gleichzeitig die Gesellschaften auf eine nachhaltige Entwicklung umstellen, wenn wir die Folgen noch einigermaßen kontrollieren wollen. Leicht redigiert zeichnet TR Online seine Rede und seine Antworten auf Journalistenfragen auf.
Die Welt ist weniger nachhaltig als 1972
Ich beneide meinen Freund David Kuhl, den anderen Träger des Japan-Preises. In seiner Arbeit kann er Tag für Tag Fortschritt verzeichnen. Für mich gilt das Gegenteil, für mich ist die Geschichte seit 1972 rückwärts gelaufen. Die Welt ist weniger nachhaltig, als sie es damals war. Es ist unbefriedigend, eine theoretisch nachhaltige Gesellschaft aufzuzeigen, wenn du siehst, dass die reale Gesellschaft weiterhin einer falschen Politik folgt. Erst mit der Krise gibt es wieder vermehrt Interesse, und mehr Leute sagen, dass Meadows und seine Leute letztlich doch recht hatten. Aber wie ich gleich erklären werde, hat die jetzige Situation sehr wenig mit Grenzen des Wachstums zu tun. Die jetzige Krise ist sehr viel stärker verbunden mit dem Kondratjew-Zyklus, der von einer 50 bis 80 Jahre langen Wachstumswelle ausgeht. Es gibt eine Verbindung, die ist aber nicht groß.
Ich trage also immer noch die gleiche Botschaft vor und kriege daher die gleichen Fragen. Zum Beispiel: Wie sieht eine nachhaltige Gesellschaft aus? Meines Erachtens kommt die Edo-Periode in Japan [1603 bis 1668] einer nachhaltigen Gesellschaft sehr nahe. Für etwa 250 Jahre hatte eine belesene, verfeinerte Gesellschaft, eine mehr oder weniger stabile Bevölkerung und eine mehr oder weniger stabile Wirtschaft Bestand. Die Gesellschaft war auf erneuerbaren Energiequellen aufgebaut und sie war friedlich. Natürlich war die Lage damals grundsätzlich verschieden von der heutigen, als dass wir die Faktoren einfach übertragen könnten. Aber es gibt einige nützliche Lektionen. Ich bin ein Experte, denn ich habe viele Samurai-Romane gelesen und viele Samurai-Filme gesehen.
Es gibt da eine Szene, die in Samurai-Filmen immer wiederkehrt. Ich werde sie kurz schildern, weil sie für uns heute eine wichtige Botschaft bereit hält. Ein Samurai-Film handelt über die Interaktion zwischen einem guten und einem bösen Samurai, die zum Höhepunkt, der Schlacht, führt. Kurz vor Ende des Films stehen sich unausweichlich der gute und der böse Samurai gegenüber und liefern sich für etwa 30 Sekunden einen fürchterlichen Kampf. Die Schwerter fliegen so schnell, dass man gar nicht sieht, was passiert. Dann treten die Kämpfer zurück und starren sich finster an. Normalerweise blutet der gute Samurai, so dass man denkt, hoffentlich überlebt der arme Kerl. Doch dann fällt der böse Samurai tot um. Denn in der Schlacht ist er tödlich verwundet worden, und war schon tot, als er starrte, ohne es allerdings zu merken.
Das ist unsere Lage heute: Es gibt eine Menge starrende Riesen rund um die Welt – und sie wissen noch nicht, dass sie tot sind. Die großen Autohersteller, die Verbrennungsmotoren produzieren – sind tot. Sie brauchen noch einige Zeit, um umzukippen, aber sie sind vergangen. Die jungen MBA-Studenten, die 100 Millionen US-Dollar verdienen, nach dem sie aus der Schule gekommen sind – das ist erledigt und kommt zu unseren Lebzeiten nicht wieder. Aber sie versuchen verzweifelt, das System wieder in Form zu bringen und es wie eine lebendige Alternative aussehen zu lassen. Ich kann immer weiter reden, stabiles Klima, die Vorstellung, dass alle Armen so reich wie wir werden können – dies sind tote Konzepte. Wir geben für sie immer noch Lippenkenntnisse ab und gerade Milliarden an US-Dollars aus. Denn unsere derzeitige Führung ist aus den Giganten hervorgegangen und will nicht anerkennen, dass die Konzepte nicht mehr relevant sind.
Aber sie sind es nicht. Daher müssen wir uns nach etwas anderem umschauen. Und wir müssen es recht rasch finden. Die Veränderungen, die es in Japan in den letzten 150 Jahren gegeben hat, werden kleiner sein, als die in den nächsten 20, vielleicht 25 Jahren. Ich kann Ihnen nicht genau sagen, wie es in 25 Jahren aussehen wird. Aber ich weiß, dass die Bedingungen sich enorm von den heutigen unterscheiden werden. Alle Länder bewegen sich nun in eine Zeit phänomenalen Wandels. Die Politiker behandeln die jetzige Wirtschaftskrise, als ob sie nur ein Zwischenspiel sei. Und sie legen nahe, dass wir zur alten Lage zurückkehren können, wenn wir nur genug Geld ins System pumpen und die toxischen Vermögenswerte aus dem System ziehen. Aber das ist Fantasie. Dies sind erst die Anfangsstadien des Wandels – und es wird noch heftiger werden. Wir sind wirklich noch in einer friedlichen Periode. Die Banken sind immer noch in der Lage, ihre Bücher stark genug zu kochen, um kleine Gewinne vorzuweisen. Aber das wird sich ändern.
Unglücklicherweise kann ich mich nicht rühmen, die jetzige Periode vorhergesehen zu haben. Denn diese Periode kommt von einem anderen Phänomen als den Grenzen des Wachstums, nämlich der Selbstordnung von Produktivkapital oder dem Kondratjew-Zyklus. Als globale Gesellschaft haben wir mehr Produktionskapazitäten für Autos, Flugzeuge und Häuser aufgebaut als wir benutzen können. Wir haben die Schuldenblase geschaffen, um den Konsum noch für fünf bis zehn Jahre zu verlängern. Aber sie ist nun kollabiert, und wir finden uns jetzt in einer Zeit, die wenigstens einige Dekaden dauern wird, in der wir die Überschusskapazitäten abbauen müssen.
In der Vergangenheit gaben diese Phasen des Kondratjew-Zyklus Anstoß zur Entwicklung neuer Technologien. Und wir können hoffen, dass wir die Zeit nutzen können, um in eine andere Richtung aufzubrechen. Wir brauchen erneuerbare Energien, drastische Mittel zum Energie-Sparen, und mehr noch, wir müssen wirklich anfangen, an den psychologischen und gesellschaftlichen Aspekten einer nachhaltigen Gesellschaft zu arbeiten. Technik löst die Probleme nicht, sondern verschafft intelligent angestellt nur ein bisschen Zeit, um die wichtigen Punkte zu behandeln.
1972 war unser Ziel, die Entwicklung zu verlangsamen. Nach einigen Indikatoren lag die damalige Gesellschaft bei 80 bis 85 Prozent, was nachhaltig war. Es gab noch Raum, um zu bremsen und die Kapazität des Planeten nicht zu überschreiten. Nun sind wir bei 135 bis 140 Prozent und die Wachstumsrate beschleunigt sich. Das Ziel ist daher nicht mehr, zu bremsen, sondern zu reduzieren. Das ist theoretisch möglich, aber in der Praxis wird es enorm schwer werden. Denn es konfrontiert uns mit vielen Problemen, bei denen wir kurzfristig Opfer bringen müssen, um langfristig Vorteile zu erhalten. Und das war noch nie ein besonders populäres politisches Programm.
Wir befinden uns derzeit in einer langfristigen Übergangsphase. Wir werden dadurch kommen, auf die eine oder andere Weise. Wenn wir es schaffen, zu wählen, und Glück haben, kommen wir durch mit intakten Grundwerten. Wenn wir nicht vorausschauen und kein Glück haben, wird es wirklich eine schreckliche Zeit. Wir bevorzugen das erste. Doch das erfordert eine langfristige Sichtweise. Meine Aufgabe ist, dies zu propagieren. Dafür werde ich meine fünf Minuten Ruhm nutzen, die mir diese Preisverleihung gewährt.
Auf Seite 2: Meadows zu "grünen" Konjunkturhoffnungen, der Krise des Produktivkapitals und dem Problem des Wohlstands.
