Dieser Text ist der Print-Ausgabe 02/2010 von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.
Mochten Meister oder Techniker noch so große fachliche Fähigkeiten haben – der Zugang zum Studium war ihnen lange verwehrt. Nun öffnet sich ein Ausweg aus dieser Sackgasse.
Es ist später Samstagnachmittag an der Hochschule Aalen. Im Hörsaal 121 hält Professor Bernd Schröder eine Vorlesung über die Grundlagen der Werkstoffkunde. 45 Tonnen Rohstoffe verbrauchen die Deutschen pro Kopf und Jahr, erfahren die Studenten. "Diesen Verbrauch zu verringern, ist eine typische Aufgabe für einen Ingenieur", doziert Schröder.
Würde diese Aussage in anderen Vorlesungen wahrscheinlich nur kopfnickend zur Kenntnis genommen, bekommt sie hier sofort ein lebhaftes Echo aus der Praxis. Auf den Bänken sitzen nämlich Menschen, die mitten im Beruf stehen. Einer von ihnen erzählt, wie bei seinem Arbeitgeber mittels Recycling Rohstoffe zurückgewonnen werden, ein anderer berichtet von einem neuen Produktionsverfahren in seiner Firma, das deutlich weniger Material verbraucht als zuvor.
Zwei Drittel der 25 eingeschriebenen Studenten, die hier in Aalen berufsbegleitend für den Abschluss "Bachelor-Ingenieur" lernen, hätten noch vor Kurzem keine Chance gehabt, einen akademischen Titel zu erwerben: Sie sind zwar Meister oder Techniker, haben aber weder Abitur noch Fachhochschulreife. Die bisher vorgezeichnete berufliche Sackgasse war nicht nur für die Betroffenen ärgerlich – auch der Wirtschaft ging dadurch ein großes Reservoir an qualifiziertem Personal verloren.
Dass die Praktiker nun dennoch studieren können, geht auf eine verwickelte Vorgeschichte zurück: Bereits 2007 empfahl die Kultusministerkonferenz (KMK) den Ländern, Meister und Techniker zum Hochschulstudium zuzulassen. Daraufhin bastelte sich jedes Bundesland eine eigene Zugangsregelung – mal wurde eine bestimmte Dauer der Berufstätigkeit vorausgesetzt, mal eine bestandene Aufnahmeprüfung. Im März 2009 machte die KMK dem Wildwuchs ein Ende und beschloss eine bundesweit einheitliche Regelung: Seitdem soll mit der Aufstiegsfortbildung zum Meister oder Techniker gleichzeitig eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung erlangt werden. Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg haben die Vorlage schon umgesetzt, die anderen Länder werden wohl folgen. "Jeder Orthopädiemeister kann sich nun für das Medizinstudium bewerben oder jeder Industriemeister Ingenieur werden und sogar promovieren", sagt Dr. Walburga Freitag, beim Hochschul-Informations-System HIS in Hannover für den Arbeitsbereich "Lebenslanges Lernen" zuständig.
Die Hochschule Aalen war eine der ersten in Deutschland, die zwei genau auf diese Gesetzesänderungen zugeschnittene Studiengänge anbot – neben Maschinenbau auch Mechatronik. "Mit diesen Projekten machen wir ein Angebot für eine Zielgruppe, die bisher leer ausging", sagt Ulrich Schmitt, Studiendekan für Maschinenbau und Mechatronik. Um das Studium mit der Arbeit vereinen zu können, finden Vorlesungen und Seminare acht Semester lang am Dienstagabend, am Freitagnachmittag und samstags statt.
Inhaltlich unterscheidet sich das Studium nicht von den Regelstudiengängen. "Wir wollen schließlich keine Zwei-Klassen-Bachelor-Gesellschaft gründen, sondern den Bedarf der Wirtschaft nach Ingenieuren stillen", sagt Dekan Schmitt. Leistungsunterschiede erwartet er nicht: "Zu Beginn haben die einen mehr theoretische Kenntnisse, die anderen haben auf praktischen Gebieten die Nase vorn", so Schmitt. "Nach fünf Jahren hat sich das alles nivelliert – und Ingenieur ist Ingenieur."
Doch kann das so funktionieren? Schließlich scheitern schon Abiturienten regelmäßig an Mathematik und Physik im Ingenieurstudium – und die bringen nicht nur bessere Voraussetzungen mit, sondern können sich auch ganz auf ihr Studium konzentrieren. Welche Chancen sollen da etwa Hauptschüler mit Meister- oder Techniker-Abschluss haben, die nebenbei auch noch Vollzeit arbeiten?
Bessere jedenfalls als ihre Kommilitonen aus den konventionellen Studiengängen, ist Schmitt überzeugt: "Meister und Techniker wissen, dass sie in Mathematik scheitern können. Deshalb sorgen sie vor und haben Nachhilfelehrer in petto", hat Schmitt beobachtet. "Abiturienten laufen mehr oder weniger ins offene Messer – und scheitern dann beinahe zwangsläufig." Zudem biete die Hochschule spezielle Einführungskurse in Mathematik und Physik an, um die Defizite der Praktiker auszugleichen. Und noch einen weiteren Vorteil von berufserfahrenen Studenten hat Schmitt ausgemacht: "Diese jungen Leute haben sich gründlich über das Studium, seine Inhalte und seine Anforderungen informiert. Sie wissen deshalb ganz genau, was sie wollen und warum sie sich auf den ganzen Stress einlassen", sagt Schmitt. "Diesen Eindruck habe ich in Vorlesungen im ersten Semester in den konventionellen Studiengängen häufig nicht."
Und warum tun sie sich diesen Stress nun an? "Als Techniker habe ich keine Chance, weiter aufzusteigen, auch finanziell nicht", sagt Markus Hopf aus der Aalener Studentengruppe. Darum will er einen Ingenieurtitel draufsatteln. Der 35-Jährige wechselte einst von der Real- auf die Hauptschule, holte später die mittlere Reife nach, machte eine Lehre als Industrieelektroniker und ließ sich nebenberuflich zum Techniker in der Elektrotechnik ausbilden. Unterdessen ist er schon seit 17 Jahren bei Bosch Siemens in der Hausgerätesparte in Gingen beschäftigt, wo er elektrische Komponenten für Kühlschränke konstruiert.
Sein Kommilitone Jonas Fröhlich, 25, nennt noch ein weiteres Motiv – die Sicherheit des Arbeitsplatzes: "Einem Facharbeiter oder Meister wird eher gekündigt als einem Ingenieur", so seine Einschätzung. Damit liegt er nicht ganz falsch: Studien vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg belegen: je höher die Qualifikation, desto geringer die Gefahr der Arbeitslosigkeit. Wie Hopf hat auch Fröhlich schon Erfahrung mit dem Lernen parallel zum Job. Nach der Hauptschule schloss er eine Werkzeugmechanikerlehre ab, dann bildete er sich nebenberuflich zum Meister weiter.
Beide, Hopf und Fröhlich, wurden von ihrem Arbeitgeber auf die Möglichkeit der Weiterbildung zum Ingenieur angesprochen, und beide werden bei der Arbeitszeitgestaltung sowie finanziell unterstützt. Schließlich sind für das Studium rund 20000 Euro fällig – im Vergleich zu 3000 Euro Studiengebühren für Vollzeitstudenten. "Wir verstehen uns schon als zahlende Kunden und versuchen deshalb Einfluss auf das Angebot zu nehmen", spricht Hopf für die Gruppe. Im ersten Semester hätten zum Beispiel Mathematik und Physik gelehrt werden sollen. Doch weil in der Physik vieles aus der Mathematik vorausgesetzt wird, wurde der Vorlesungsplan kurzerhand umgestellt und Physik durch Werkstoffkunde ersetzt. Erst wenn die Studenten die Grundlagen der Mathematik gelernt haben, kommt Physik wieder auf den Plan.
Werkstoff-Professor Schröder hat großen Respekt vor dem Engagement seiner Schüler: "Es ist beeindruckend, was sich die jungen Leute auferlegen. Ich ziehe meinen Hut." Das gilt auch für die fachlichen Leistungen: "Jeder aus der Gruppe hat ein großes Detailwissen, davon profitieren wir Professoren und die Studenten zugleich." Was ihnen fehle, sei jedoch die Theorie – vor allem bei den Naturwissenschaften. Das bedeutet für die Teilnehmer: büffeln. Neben der Arbeit und den Vorlesungen kommt Hopf auf etwa fünf bis sechs Stunden pro Woche Vor- und Nachbereitungszeit. Freizeit hat er so gut wie keine mehr.
Solche Lebensphasen werden zunehmend auch andere zu bewältigen haben. Denn die Umstellung der Diplom- auf Bachelor- und Master-Abschlüsse fördert die Verzahnung zwischen Berufstätigkeit und akademischer Bildung. Im angelsächsischen Raum, aus dem das Bachelor-Master-Modell stammt, erwerben die Hälfte ihren Master-Abschluss berufsbegleitend. Damit verschwindet auch das gängige Modell von der Erstausbildung mit gelegentlichen Fortbildungskursen. "Wir müssen den Blick in Richtung lebenslanges Lernen richten und nicht mehr auf eine getrennte Aus- und Weiterbildung", fordert Michaela Knust, Direktorin am Center für lebenslanges Lernen an der Universität Oldenburg. Deshalb gilt das Modell Aalen auch als Blaupause für andere Hochschulen. "Wenn es gut läuft, wird es von anderen Hochschulen übernommen werden", verspricht Achim Bubenzer, Vorsitzender der Rektorenkonferenz an Fachhochschulen in Baden-Württemberg.
Für die Wirtschaft klingt das wie ein Traum: Absolventen der Ingenieurwissenschaften, die zugleich umfangreiche praktische Erfahrungen mitbringen. Könnten darunter dann nicht umgekehrt auch Absolventen der grundständigen Studiengänge leiden, die dann ihrerseits plötzlich Ingenieure zweiter Klasse wären? Studiendekan Schmitt sieht diese Gefahr nicht: Bis auf Weiteres sei die Zahl der Ingenieure aus berufsbegleitenden Studiengängen viel zu klein, um dem klassischen Ausbildungsweg ins Gehege zu kommen.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 02/2010 von Technology Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.
Permalink: http://heise.de/-956349