Deutschland tritt in die Pedale
25.07.12 – Gregor Honsel, Jens Lubbadeh
Staus, Parkplatzmangel, hohe Spritpreise – viele Menschen sind vom Auto genervt und steigen aufs Rad um. Vor allem das Pedelec bringt Leute auf den Sattel, denen Radfahren bislang zu anstrengend war. Verkehrsminister Peter Ramsauer will Deutschlands Städte nun fahrradfreundlicher machen.
Er hätte den Dienstwagen nehmen können, sein Arbeitgeber hätte ihm sogar die Spritkosten bezahlt. Doch während der 32 Jahre, die Bernd Honsel als Jurist bei einer großen Versicherung in München arbeitete, fuhr er lieber mit dem Fahrrad die sechs bis sieben Kilometer ins Büro. Zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter, den Anzug je nach Witterung um Regencape, Stulpen und Gamaschen ergänzt. Weil die früher gebräuchlichen Seitenläufer-Dynamos bei Eis und Schnee durchrutschten, bastelte er sich seine eigene Beleuchtungslösung, basierend auf der Batterie eines Akkuschraubers, diebstahlsicher in einem abschließbaren Koffer auf dem Gepäckträger untergebracht. „Einmal wollten die Sicherheitsleute einen Alarm auslösen, als ich mit Skimaske ins Gebäude kam“, erinnert er sich. „In den siebziger Jahren war man als Radfahrer in München eben noch der totale Exot.“
Wie sich die Zeiten geändert haben: Heute werden Radler selbst in der konservativen Versicherungsbranche nicht mehr belächelt, wenn sie mit dem Bike zur Arbeit kommen. Als Sport- und Freizeitgerät erlebt das Fahrrad seit den frühen Neunzigern einen stetigen Boom. Rund 70 Millionen Räder gibt es mittlerweile in Deutschland, etwa die Hälfte davon wird nach Angaben des ADFC regelmäßig genutzt. Laut Deutschem Mobilitätspanel, einer Untersuchung von mehr als 8000 Verkehrsteilnehmern, hat die wöchentliche Kilometerleistung per Rad seit 1996 um 38 Prozent zugenommen – quer durch alle Altersgruppen ab 18 Jahren. Parallel dazu stieg auch der Fahrradanteil am sogenannten „Modal Split“, der Verteilung der genutzten Verkehrsmittel. 1996 entfielen auf das Rad 7,8 Prozent, 2010 waren es 9,6. Nach langem Zögern reagieren nun auch Politiker und Verkehrsplaner. Verkehrsminister Peter Ram-sauer will deutsche Städte fahrradfreundlicher machen. Ziel seines neuen „Nationalen Radverkehrsplans“: den Radanteil am Modal Split bis 2020 auf 15 Prozent anheben.
Völlig unerwartet hat sich das Fahrrad zu einer ernsthaften Alternative zum Auto entwickelt – vor allem in den verstopften Städten. Dieser Fahrrad-Boom hat mehrere Ursachen: Zum einen ist das Auto zu teuer geworden, nicht zuletzt wegen ständig steigender Spritpreise. In der Stadt nerven fehlende Parkplätze, endlose Staus machen das Auto für viele Pendler immer unattraktiver (siehe TR 9/2011, S. 62). Dazu kommen ein steigendes Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein. „Junge Leute im Führerscheinalter kaufen sich immer weniger Autos und fahren häufiger Rad“, sagt Arne Koerdt vom Deutschen Institut für Urbanistik (DIFU). „Das einstige Statussymbol Auto verliert an Bedeutung.“ Zudem ist das Fahrrad dank technischer Verbesserungen heute alltagstauglicher denn je.
Für praktisch jede Lebenslage gibt es das passende Rad – Liegeräder für lange Distanzen, Lastenräder für den Großeinkauf oder den Transport von Kindern, Falträder für Busse und Bahnen oder Rahmen mit tiefem Durchstieg für Senioren (siehe S. 74). Hochwertige Schaltungen, Federgabeln, Rahmen, Bremsen, Reifen und Beleuchtungen machen Räder sowohl schneller als auch bequemer – niemand muss mehr wie Bernd Honsel die Werkzeugkiste plündern, um im Winter Licht zu haben. Und die Zubehörindustrie hat einen ganzen Zoo an Produkten entwickelt, die Radlern das Leben erleichtern (siehe S. 70).
Keine andere technische Neuerung befördert den Trend zum Fahrrad mehr als die sogenannten Pedelecs. 310000 der elektrisch unterstützten Fahrräder wurden vergangenes Jahr in Deutschland verkauft. Für 2012 rechnet der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) sogar mit 400000. Aktuell haben die Pedelecs bereits stolze acht Prozent des gesamten Fahrradbestands erobert.
Der Elektroboom hat gravierende Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten: „Das Pedelec setzt da an, wo das herkömmliche Fahrrad im bequemen Gebrauch an seine Grenzen stößt“, schreibt das DIFU in einer Analyse. Es bringt Menschen auf den Sattel, denen die Trampelei bisher zu mühselig war; es macht das Fahrrad auch für hügelige Gegenden attraktiv; es vergrößert den Radius, den Pendler zur Arbeit zu radeln bereit sind; und es bringt in ländlichen Regionen Bahnhöfe in Reichweite, die für das normale Fahrrad zu weit entfernt wären. Pedelecs dienen so als Zubringer für den öffentlichen Verkehr. Bislang werden die Elektroräder noch überwiegend im Tourismus eingesetzt. Doch zunehmend ersetzen sie auch das Auto, wie Umfragen in der Schweiz und den Niederlanden ergaben.
Doch Pedelecs stellen auch neue Anforderungen an die Infrastruktur. Bislang drehte sich in den Städten alles um das möglichst reibungslose Fortkommen im Auto. Das Radwegenetz wurde ausgesprochen stiefmütterlich behandelt, entsprechend schlecht ist nach wie vor sein Zustand. Auf der Straße waren Fahrräder selbst in jüngster Vergangenheit sogar gänzlich unerwünscht. Politiker nahmen lieber den Fußgängern Platz auf dem Bürgersteig weg, als ein Stück der Straße für die Radler zu opfern.
Die Radspur auf dem Gehweg wird mit der steten Zunahme der Räder und Pedelecs allerdings zum Problem. Radfahrer und Fußgänger behindern sich gegenseitig, Passanten missachten die in der Regel nur farblich markierte Spur, Autofahrer parken sie zu oder kreuzen sie an Tankstellen- und Hauseinfahrten. An Bushaltestellen müssen Radler auf aussteigende Fußgänger achten und an Kreuzungen auf abbiegende Autofahrer, die ihnen die Vorfahrt nehmen könnten.
Mit steigendem Zweiradgebrauch wird Fahrradfahren unter solchen Voraussetzungen immer gefährlicher. Das schlägt sich in den Statistiken nieder: Die Zahl der getöteten Radfahrer stieg laut Statistischem Bundesamt in den letzten zwei Jahren von 381 auf 399 Opfer an, die Zahl der Verletzten kletterte von 65000 auf 76000. Das subjektive Sicherheitsempfinden sank: Nur etwa die Hälfte der Radfahrer – so eine Umfrage des Fahrradherstellers Sinus im Jahr 2011 – fühlt sich im Straßenverkehr sicher. 2009 waren es noch zwei Drittel.
Pedelecs verschärfen das Radspur-Problem. Zwar muss die elektrische Fahrunterstützung aufgrund rechtlicher Vorgaben bei 25 km/h aussetzen (siehe Kasten Seite 67). Der „elektrische Rückenwind“ ermöglicht aber rasante Beschleunigungen. Weder Fußgänger noch Autofahrer oder konventionelle Radfahrer sind darauf vorbereitet, zumal man Pedelec-Fahrer nicht als solche erkennen kann – die elektrisch unterstützten Räder unterscheiden sich kaum von normalen. Hinzu kommt, dass Pedelecs neue Zielgruppen erschließen. „Niemand rechnet damit, dass die ältere Dame oder der ältere Herr mit 25 km/h über den Radweg braust“, sagt Arne Koerdt. Mitunter steigen auch Leute auf ein elektrisch beschleunigtes Rad, die nur wenig Fahrsicherheit besitzen.
Die Fokus-Artikel im Einzelnen:
- Umdenken: Verkehrsminister Ramsauer will Deutschlands Städte fahrradfreundlicher machen
- Innovationen: Produkte, die das Radfahren sicherer und komfortabler machen
- Porträt: Warum Arend Schwab von der TU Delft das Rad neu erfinden will
- Schaufenster: Eine Auswahl exotischer Fahrräder für Sport und Alltag
