Schon vor 120 Jahren wurde bis aufs Messer um Patente gestritten. Leidvolle Erfahrung damit machte der Erfinder des Viertaktmotors: Ein fiktives Interview mit Nicolaus August Otto.
TR: Herr Otto, wissen Sie, wie viele Automobile heute allein durch Deutschland fahren?
Otto: Nein. Seien Sie so freundlich, mich aufzuklären. Sicherlich Hunderte – oder gar Tausende?
Mehr als 40 Millionen. Und wissen Sie, wie der Motor genannt wird, der die meisten dieser Automobile antreibt? Otto-Motor. Die von Ihnen mitgegründete „Gasmotorenfabrik Deutz“ heißt heute „Deutz AG“ und stellt Motoren mit mehr als 600 Pferdestärken her.
Sehr schön. So hat meine Tätigkeit doch eine segensreiche Wirkung für meine Enkel und Urenkel gezeitigt.
Ja, aber einer der angesehensten Automobilhersteller der Welt heißt – Daimler.
Doch nicht die Firma von Herrn Gottlieb Daimler?
Doch, genau die. Daimler gilt heute als Pionier des Automobils. Sein Gründungskapital stammte aus seinen Anteilen an der Gasmotorenfabrik Deutz, als er dort 1882 als Technischer Direktor ausschied.
...als er nach einem Beschluss des Direktoriums rausgeworfen wurde.
Weil Sie gedroht hatten, sonst selber das Unternehmen zu verlassen. Was lief schief zwischen Ihnen und Daimler?
Ich bitte höflichst, diese Fragen an Herrn Daimler selbst zu richten. Ich habe nie verhehlt, dass das Verhältnis zwischen uns keineswegs freundschaftlich ist. Ich glaube aber, Herrn Daim- ler stets offen entgegengekommen zu sein. Mein ganzes Sinnen und Trachten galt immer den Interessen der Gasmotorenfabrik Deutz. Jeder, der dahin ehrlich mitwirkt, ist mir willkommen.
Gottlieb Daimler würde von sich dasselbe sagen. Angeblich haben Sie sogar die Türen und Pulte Ihrer Versuchswerkstatt vor Daimler abgeschlossen. Was waren denn die konkreten Streitpunkte?
Nur ein Beispiel: Alle Patente meiner Erfindungen laufen auf den Namen der Gasmotorenfabrik Deutz, nicht auf meinen eigenen – obwohl das Unternehmen ein Gutteil seiner Größe mir verdankt. Herr Daimler aber wollte Patente auf seinen eigenen Namen durchsetzen – und das als einfacher Angestellter!
Das klingt, mit Verlaub, ein wenig nach gekränkter Eitelkeit. Es heißt, Daimler wollte kleine, schnell laufende Motoren bauen, um sie in Fahrgeräte einzubauen. Sie und die Gasmotorenfabrik Deutz wollten sich hingegen weiterhin auf stationäre Antriebe beschränken. Haben Sie damals nicht eine gewaltige Gelegenheit verpasst?
Ich hatte schon lange vorher den Einfall, Motoren für die Fortbewegung von Gefährten auf Landstraßen zu bauen. 1861 habe ich – gemeinsam mit meinem Bruder Wilhelm – ein Patent auf einen Spiritus-Verdampfer eingereicht, damit Verbrennungsmotoren von der Fesselung an das Gasnetz befreit werden. Und ohne meine 1884 erfundene Niederspannungs-Magnetzündung würden Motoren mit flüchtigen Flüssigkeiten wie Benzin gar nicht betrieben werden können.
Warum haben Sie Ihre alten Pläne, Automobile zu bauen, danach nicht weiterverfolgt? Mein Kompagnon und Gefährte Eugen Langen hat das ganze Land bereist...
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