Start der Apollo 11-Rakete (Bild: NASA)
Dieser Text ist der Print-Ausgabe 06/2009 von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.
Der Astronaut Thomas Reiter beschreibt, was die Mondlandung von Neil Armstrong und Edwin Aldrin vor 40 Jahren für ihn bedeutet.
Thomas Reiter, 51, studierte Luft- und Raumfahrt an der Bundeswehrhochschule Neubiberg. Während zweier Missionen 1995 (Euromir) und 2006 (Astrolab) verbrachte er insgesamt 350 Tage im All und führte drei Außenbordeinsätze durch. Der Diplomingenieur und Brigadegeneral ist heute Vorstand für Raumfahrtforschung und Entwicklung im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln.
Ein Blick zurück zum Beginn der sechziger Jahre: In der Zeit des Rechenstabes, der Telefone mit Wählscheibe und zimmergroßer Rechenmaschinen beginnt der Mensch seinen Flug zum Mond zu planen. Realutopie oder grenzenlose Hybris? Selbst nach Amerika wären wir seinerzeit nur mit Linienschiffen oder viermotorigen Propellerflugzeugen gekommen. Doch in jener von Elektromechanik und einfachster Röhrentechnik geprägten Zeit – ich war gerade mal zwei – verspricht der amerikanische Präsident seiner Nation, in weniger als neun Jahren einen Menschen sicher zum Mond zu bringen. Die Reise zum Mond – eine Sehnsucht, wie sie den Menschen seit Urzeiten bewegt, wenn er zum Himmel schaut. Als der russische Kosmonaut Juri Gagarin 1961 mit 90 Minuten den "Langzeitrekord" im All aufstellt und der US-Amerikaner Alan Shepard einen 15-minütigen suborbitalen Flug absolviert, beginnt das Rennen der Weltmächte um die Präsenz auf dem Mond.
Am 21. Juli 1969 ist es so weit: Neil Armstrong und Edwin Aldrin betreten als erste Menschen den Mond. Ich bin elf. Bei Nachbarn darf ich die Berichterstattung am Farbfernseher (!) bis zum frühen Morgen verfolgen. Fasziniert und begeistert von der Vorstellung, vielleicht irgendwann einmal selbst mit eigenen Füßen auf der Oberfläche eines anderen Himmelskörpers zu stehen.
40 Jahre später, 2009. Der Communicator von Captain Kirk ist Realität geworden – das Handy. Das größte Passagierflugzeug der Welt, der Airbus A380, befördert Menschenmassen von Kontinent zu Kontinent, und Navigationssysteme bringen ihre Nutzer an jeden Ort unseres Planeten. Wollten wir heute der Vision Kennedys etwas Gleiches entgegenhalten, so müssten wir den Flug an die Grenze unseres Sonnensystems planen. 40 Jahre, ein Wimpernschlag der Menschheitsgeschichte. Aber eine Zeitspanne, die auch von den gesellschaftlichen und technologischen Nachwirkungen des Mondfluges bestimmt wurde.
Welchen Einfluss die Apollo-Missionen auf das kollektive Bewusstsein der Menschheit haben würden, hatte sich bereits am 24. Dezember 1968 während der Apollo-8-Mission gezeigt, als Frank Borman die Erde hinter dem Mondhorizont aufgehen sah: "Oh, mein Gott! Schau dir das an. Die Erde geht auf. Wow, ist das schön!" Zum ersten Mal sahen Menschen Bilder vom Blauen Planeten, aufgenommen aus der Umlaufbahn einer Raumkapsel um einen anderen Himmelskörper. Damit geriet auch die Verletzlichkeit der Erde in den Fokus.
40 Jahre Wissenschaft und Technik: Das Apollo-Programm revolutionierte das bis dahin bekannte Wissen über den Erdbegleiter. Eine Wirkung, die nicht nur meine Entwicklung nachhaltig beeinflusst hat. Die Einsicht, dass die dritte Dimension für den Menschen nicht am oberen Ende der Atmosphäre und noch nicht einmal im Erdorbit aufhört, bewog mich, Luft- und Raumfahrttechnik zu studieren.
Vor den Mondmissionen gab es zwar Theorien, wie unser Trabant entstanden sein könnte. Danach aber besaßen wir von dort stammendes Gestein und das Wissen: Gleichartiges kommt auch auf der Erde vor. Die heutige Theorie vom Ursprung des Mondes als Teil der Erde ist ein Ergebnis der Apollo-Missionen. Dass und wie bedeutend der Mond für die Erde und für die Entstehung des Lebens auf ihr ist, auch dies fußt auf Ergebnissen der bemannten und der unbemannten Missionen zum Mond.
Doch nicht nur Raumfahrt und Wissenschaft zogen daraus ihren Nutzen. Auch Dinge, die später den Alltag bestimmten, hatten ihren Ursprung in den Reisen zum Mond. So bekamen Mitarbeiter eines großen amerikanischen Elektronikkonzerns die Aufgabe, eine Rechenmaschine zu entwickeln, die den Raumfahrtingenieuren die Arbeit erleichtern und sie schneller machen sollte – der Taschenrechner war geboren. Auch stellte man sich die Frage, wie man auf der Mondoberfläche arbeiten solle, wo es doch keine Steckdosen gab – der heute fast in jedem Haushalt vorhandene Akkuschrauber nahm Gestalt an.
40 Jahre Bewusstseinsbildung: Wir dürfen nicht vergessen, dass der Flug zum Erdtrabanten als "Wettlauf zum Mond" durch den Kalten Krieg und den Wettstreit zweier konkurrierender politischer Systeme ausgelöst wurde. Heute arbeiten Russen und Amerikaner in der internationalen Raumstation friedlich zusammen. Und die Arbeit in der ISS ist im öffentlichen Bewusstsein als das angekommen, was sie ist: Raumfahrt-Alltag in einem bewohnten Forschungslabor im All, am Leben erhalten durch Ingenieurskunst, Wissenschaft und das Erkenntnisinteresse der raumfahrenden Nationen.
Paradoxerweise ist die Sensation der bemannten Mondmission inzwischen verblasst. Wussten in den 1970er-Jahren Kinder wie ich praktisch alles über die Apollo-Missionen, so kennen heutige Jugendliche diese Pionierexpeditionen nur aus dem Kino: "Houston, wir haben ein Problem." Für einige Menschen sind die Mondmissionen so unvorstellbar, dass sie diese sogar in Zweifel ziehen.
Ein weiteres Paradoxon, aber ein positives: Der Blick aus der Ferne schärfte den Blick für die Nähe: Die Raumfahrt widmete sich nach dem Apollo-Programm mehr und mehr wissenschaftlichen Zwecken, dem Blick auf und dem Blick für die Erde. Mehr denn je steht die Raumfahrt mit all ihren Möglichkeiten heute im Zeichen irdischer Probleme und ihrer Lösung – Klima und Umwelt, Sicherheit, Krisenbewältigung.
Raumfahrt übt heute wie vor 40 Jahren immer noch eine große Faszination auf Menschen aus: Als Querschnittstechnologie, Innovationstreiber und als Methode, um an den Grenzen des Machbaren Ziele zu verwirklichen, die unerreichbar scheinen.
Diese Faszination hat mich elfjährigen Jungen damals vor dem Fernseher ergriffen und mich während zweier Langzeitmissionen von jeweils sechs Monaten ins All begleitet. Und sie hält unvermindert an.
Mehr zur Zukunft der bemannten Raumfahrt: "Die schwierige Rückkehr ins All".
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 06/2009 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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