Quelle: New York University
Egal ob man sich nun die Angst vor dem von fossilen Brennstoffen ausgelösten Klimawandel oder die immer stärker anziehenden Ölpreise ansieht - auf die Idee, dass die Welt neue, saubere und günstige Energiequellen benötigt, kommt man schnell. Der emeritierte Physik-Professor Marty Hoffert von der New York University glaubt, dass nur ein radikales Projekt dazu geeignet sei, die Probleme zu lösen - ähnlich dem Apollo-Programm zur Mondlandung. Technology Review unterhielt sich mit Hoffert, der mehr als drei Jahrzehnte an der Erdatmosphäre forschte - und an alternativen Energietechnologien.
Technology Review: Herr Hoffert, warum brauchen wir einen radikalen Lösungsansatz? Kann der Markt unsere Energieprobleme nicht von alleine regeln?
Marty Hoffert: Wenn wir so weiter machen wie bisher, werden wir bald noch viel mehr CO2 produzieren als heute. Der Grund ist ein neuerlicher Trend hin zur Verstromung von Kohle. Die Geschichte der Energiegewinnung aus Kohlenstoff-Produkten, die von der Kohle über das Öl schließlich zum Gas führte, das am bislang wenigsten CO2 erzeugt, kehrt sich gerade um. Erdgas und Öl werden immer teurer. Der Wechsel zurück zur Kohle ist in China und Indien bereits sichtbar. Auch in den USA sind wir an einem Wendepunkt. Das bei der Energieerzeugung aus Kohle entstehende CO2 wird wohl kaum aufgefangen werden - also wird die Natur wieder diejenige sein, die es aufnehmen muss. Und zwar in gigantischen Mengen. 2050 werden wir zwischen 100 und 300 Prozent der Energie benötigen, die wir heute brauchen - und zwar am besten aus CO2-neutralen Energieformen. Vergleichen Sie das mal mit heute: 85 Prozent unserer Energieerzeugung setzt das Treibhausgas frei.
TR: Wie wollen Sie das Problem angehen?
Hoffert: Wir brauchen zunächst ganz andere Innovationen, die bestehende Industrien womöglich total umkrempeln werden. Diesen Ansatz brauchen wir, um von der Sucht nach Öl und Erdgas wegzukommen und Mitte des Jahrhunderts ganz von der CO2-Freisetzung abzulassen. Wir können es schaffen - es gibt genügend Vorbilder in der Geschichte. Zwischen dem ersten Schritt auf dem Mond durch den Astronauten Neil Armstrong und dem ersten Flugzeug der Gebrüder Wright lagen gerade einmal 60 Jahre. Nur drei Jahrzehnte vergingen zwischen dem einfachen Apple II-Computer von Steve Jobs und Steve Wozniak und heutigen Superlaptops, Handys und dem Internet. John von Neumann, einer der Väter des modernen Computers, glaubte in den Fünfzigerjahren noch, nur Nationalstaaten könnten sich Rechner überhaupt einmal leisten. Er käme aufgrund unserer heutigen Realität aus dem Staunen nicht mehr heraus.
TR: Welche konkreten Lösungsansätze sehen Sie selbst?
Hoffert: Ein Patentrezept gibt es nicht, doch alternative Energietechnologien existieren bereits, die die grundlegende Versorgung sicherstellen könnten. Ich sehe hier drei Ansätze. Der erste sind Kohle-Gas-Kraftwerke, die Energie und Wasserstoff erzeugen, das Kohlendioxid aber nicht an die Atmosphäre abgeben, sondern unterirdisch einschließen (sequestrieren).
Den zweiten Ansatz sehe ich in neuen Kernreaktoren, deren Beiprodukte sich nicht mehr für die Atomwaffenproduktion eignen. Ihr Brennstoff kommt aus den Stoffen Uran-238 und Thorium, später auch aus der Kernfusion. Weil wir so viele emissionsfreie Kraftwerke brauchen, muss zuvor das Brüterproblem geklärt sein, damit neuen Reaktoren nicht der Brennstoff ausgeht.
Als dritten Ansatz sehe ich die erneuerbare Energie - dabei vor allem Sonne und Wind. Dazu benötigen wir innovative Übertragungs- und Speicher-Technologien auf der ganzen Welt - inklusive Solaranlagen im All.
TR: Die meisten Technologien, die Sie ansprechen, werden bereits seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, diskutiert.
Hoffert: Im Regal stehen sie trotzdem noch nicht. Sie existieren heute so, wie es in den späten Dreißigern bereits einfachste Atomwaffen gab und in den Fünfzigern erste Mondlandemodulprototypen. Wir brauchten riesige Anstrengungen wie die Manhattan- und Apollo-Projekte, bis es soweit war.
TR: Aber Windmasten wachsen doch bereits überall aus dem Boden.
Hoffert: Wir müssen die erneuerbare Energie massiv ausbauen - sie ist die am weitesten fortgeschrittene Technik auf meiner Liste. Doch es fehlt uns an einem Energieleitungs- und Speichersystem, um diese großen neuen Strommengen überhaupt aufzunehmen. Das gesamte Netz müsste umgebaut und mit neuartigen Speichereinheiten versehen werden. Ohne ein solches System funktioniert erneuerbare Energie nicht. Die Technik wird aber kaum vorankommen, solange der Strommarkt derart dereguliert ist. Niemand ist mehr zentral verantwortlich für die Stromverteilung. Das muss sich ändern. Im Bereich der thermonuklearen Fusion forschen wir zwar, aber im Bereich des Ausbaus der Energienetze oder in neuartige Satelliten-Solar-Stationen wird nahezu nichts investiert.
TR: Sie haben Brüterreaktoren erwähnt, die die Uranvorkommen besser nutzen könnten. Viele sagen, dass die dabei mögliche Produktion von bombenfähigem Plutonium inakzeptabel sei.
Hoffert: Ich glaube, dass es eine technische Antwort auf dieses Problem gibt. Ein Ansatz wäre ein globales Stromnetz, wie es Buckminster Fuller in den siebziger Jahren vorgeschlagen hat. Energie aus Brüterreaktoren könnte in sicheren Regionen der Welt erzeugt werden, die Elektronen würden dann an die Saddam Husseins dieser Welt verkauft. Das Stromnetz selbst wäre dann der Atomwaffensperrvertrag. Hochtemperatur-Supraleiter und Nanotechnik könnten helfen, extrem lange Versorgungsleitungen zu bauen, die geringe Energieverluste zeigen.
TR: Entwickeln sich die neuen Energieformen nicht auch dadurch ganz automatisch weiter, weil die fossilen Brennstoffe immer teurer werden?
Hoffert: Die Debatte um die globale Erwärmung wird zu sehr von Ökonomen dominiert, zu wenig von Ingenieuren. Die meisten wissen gar nicht, dass diese Dinge möglich sind und in den Labors bereits existieren. Wir hören von der Besteuerung des CO2-Ausstoßes und davon, dass unser wirtschaftliches System emissionsfreie Technologien voranbringen werde. Die Wahrheit ist, dass das rein historisch gesehen nie so läuft. Seit dem zweiten Weltkrieg wurde nahezu alles Wichtige, also von der Gasturbine über integrierte Schaltkreise bis hin zum Internet, von Forschern entwickelt, die von der Regierung bezahlt wurden. Wir sollten dort in Forschung investieren, wo sie zur Schaffung sinnvoller Energiesysteme führt.
Übersetzung: Ben Schwan.
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