Quelle: nd.gov
Zwischen dem endlosen Schachbrettmuster aus Weizen, Mais, Sojabohnen und Raps, die sich in North Dakota bis zum Horizont erstrecken, sprießen ungewohnte Eindringlinge: Windturbinen, Biodiesel- und Ethanolfabriken. North Dakota, einer der am dünnsten besiedelten Staaten der USA und zugleich eines der reichsten Vorkommen an fossilen Brennstoffen, hat die erneuerbaren Energien entdeckt und investiert seit kurzem massiv in neue Kapazitäten.
Die meisten der angeblich grünen Technologien blühen und gedeihen jedoch vor allem aus einem Grund: Subventionen, die der einflussreichen Energie- oder Agrarindustrie zu Gute kommen.
„Wir könnten theoretisch unsere Grenzen dicht machen und hätten genug Treibstoff“, witzelt Shane Goettle vom Wirtschaftsministerium in der Hauptstadt Bismarck über den mit Hochdruck vorangetriebenen Ausbau der Ethanolanlagen. Gegenwärtig stellt der Staat im Jahr rund 132 Millionen Liter des Alternativtreibstoffs her, und zwar aus Maiskörnern. Vier massive neue Anlagen, die gegenwärtig errichtet werden, sollen den Ausstoß auf 1,39 Milliarden Liter erhöhen -- das ist mehr als der gesamte jährliche Benzinverbrauch der rund 640.000 Einwohner des Staates an der Grenze zu Kanada und knapp die Hälfte des Ethanolverbrauchs de Staates Kalifornien.
Da Ethanol nur zu zehn oder maximal 15 Prozent herkömmlichem Benzin beigemischt wird und die meisten Fahrzeuge solche „Flex Fuel“-Mischung nicht vertragen, ist Goettles Rechnung ein schöner Traum. Mais ist für die nachhaltige Treibstoffherstellung zudem alles andere als ökologisch wie ökonomisch optimal. Das Getreide muss künstlich gedüngt, mit schweren Maschinen geerntet und verarbeitet werden, sowie mit Hilfe fossiler Brennstoffe fermentiert, destilliert und ausgeliefert werden.
Im Gegensatz zu Zuckerrohr oder Wildgras verwenden die neuen Fabriken in North Dakota nicht die ganze Pflanze, sondern nur die zuckerhaltigen Maiskörner. Eine Studie für die National Academies of Sciences rechnete kürzlich die mangelhafte Ökobilanz von Mais-Ethanol vor. Danach wirft der Sprit netto nur 25 Prozent mehr Energie ab als zu seiner Herstellung nötig ist, Soja-Biodiesel hingegen stolze 93 Prozent -- und das bei deutlich geringerem Schadstoffausstoß. Die einzige wirkliche Alternative, so die Forscher, seien aus Zellulose hergestelltes Ethanol und andere Biotreibstoffe.
Aber dafür bestehen in North Dakota bislang keine Pläne. Zu gut sind die Subventionen von 51 Cent pro Gallone (3,79 Liter), die der Bund für Ethanol zahlt. Die neuen Sprit-Anlagen, so Goettle, werden ohne Ausnahme von großen Unternehmen wie dem Agrarmulti Archer Daniels Midland (ADM) oder etablierten Energieunternehmen gebaut. Das bestätigt auch Gerald Groenwold, Leiter des Zentrums für Energie- und Umweltforschung an der University of North Dakota in Grand Forks: „Ethanol und Biodiesel machen heute keinen wirtschaftlichen Sinn. Aber dank Subventionen lässt sich an ihnen eine Menge Geld verdienen.“
Verbraucher tanken Ethanol-Mischungen an bislang 30 der rund 300 Tankstellen im Staat, weil sie sich damit „gut fühlen können“, so der Geologe. Er gibt zu bedenken, dass die Ethanolherstellung in einem Staat mit chronischer Wasserknappheit wie North Dakota nicht gerade als grün bezeichnet werden kann: „Um einen Liter Ethanol zu gewinnen, braucht man drei Liter Wasser. In seiner jetzigen Form ist der Markt nicht tragfähig. Die Ethanolproduktion muss mehr sein als nur ein Teil des Programms zur Stützung der Landwirtschaft.“
Eines der Vorzeigeobjekte des Staates ist eine neue Ethanolfabrik nördlich von Bismarck namens Blue Flint Ethanol, die gerade für 85 Millionen Dollar gebaut wird und im März 2007 ihren Betrieb aufnehmen soll. Bislang sind nur die Fundamente für Silos und Fermentieranlagen gegossen, in denen schon bald Tag für Tag 14 Eisenbahnwaggons Maiskörner verarbeitet werden. Die jährlich angepeilten 189 Millionen Liter Ethanol sollen zu 90 Prozent exportiert werden -- vor allem an die Westküste Kaliforniens, berichtet Projektleiter Jeff Zueger.
„Wir haben einen großen Vorteil, der uns erfolgreich macht“, so der Ingenieur: „unsere niedrigen Herstellungskosten.“ Das Ethanolwerk steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem 27 Jahre alten Braunkohlekraftwerk. Die zwei überregionalen Energiefirmen, die bislang Strom nach Chicago und Minneapolis transportieren, machen sich die Abwärme des Kraftwerks für die Ethanolherstellung zunutze.
Rund 60 Prozent des Energiebedarfs seiner Alkoholproduktion wird so aus bisher ungenutztem Wasserdampf der Kohleverfeuerung stammen, so Zueger. Immerhin konsumiert das Werk täglich 22.000 Tonnen der minderwertigen Braunkohle; dank des Ethanolwerks muss der Ausstoß von 600 Megawatt um weitere 15 Megawatt erhöht werden.
Selbst bei vollem Betrieb werden die Emissionen beider Anlagen sinken, versichert der Energiemanager, da man neue Technik installiere, die den Kohlestaub vor der Verbrennung trocknet und somit ergiebiger und sauberer verbrennen lasse. Zueger schätzt, dass die Produktion von einer Gallone Ethanol zwischen 1,00 bis 1,25 Dollar kosten wird. Bei einem staatlich gestützten Verkaufspreis von 3,30 bis 3,60 Dollar sei seine Anlage damit bis zu 15 Cents billiger als die Konkurrenz, die mit Erdgas befeuert werden muss.
Sauber ist Ethanol von Blue Flint deswegen noch lange nicht. Wie dem Rest der USA fällt es North Dakota schwer, von seiner Vergangenheit fossiler Brennstoffe loszukommen. Der Staat sitzt auf geschätzten 700 bis 1.000 Jahren Braunkohle, die verbrannt werden will.
Am Tagebau und den Kraftwerken, die mehr als 90 Prozent des Stroms für den Export erzeugen, hängen im ganzen Staat rund 20.000 Jobs, schätzt das Handelsministerium, sowie weitere 4.500 in der Ölförderung. Zum Vergleich: alle neuen Ethanolprojekte werden maximal 200 Menschen beschäftigen, in zwei Biodiesel-Pilotprojekte arbeiten weitere 120, sowie rund 600 Arbeiter rund um Windenergie.
Über den besseren Einsatz seiner massiven, aber vergleichsweise dreckigen und wenig Energie intensiven Braunkohlevorkommen macht sich der Staat seit Jahrzehnten Gedanken. In den 80er Jahren lautete die Antwort: Braunkohlevergasung. Von den Nazis und den mit einem Boykott belegten Südafrikanern vorgemacht, investierte ein Konsortium aus mehreren Energiekonzernen rund zwei Milliarden Dollar in ein Werk direkt neben dem größten Tagebaugebiet North Dakotas.
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