Foto: Philipp Horak
Das Handy vibriert, doch die Nachricht, die es empfangen hat, kommt nicht von einem Menschen. Sie kommt von einem Ding –- Kühlschrank, Apfel, Schreibtisch, was auch immer. Alles was man für diese Art der Kontaktaufnahme tun muss, ist den Gegenstand mit einem visitenkartengroßen Etikett zu bekleben, das Nokia zusammen mit der neuen Plastikoberschale "Xpresson Shell" zum Aufstecken auf sein Modell 5140 liefert. Im Plastik steckt ein Lesegerät, im Etikett ein Funkchip. Geht man mit dem Handy ganz nahe an den Aufkleber heran oder berührt ihn, teilt der Chip seinen Namen in Form einer Codenummer mit. Das Handy vibriert dann binnen weniger als einer Sekunde und zeigt so, dass der Aufkleber erkannt wurde.
Kommunizieren durch Antippen, Dinge anklicken wie einen Hyperlink -– viel spricht dafür, dass 2004 in der Rückschau das Jahr markieren wird, in dem wir mit den Dingen Kontakt aufnahmen. Computer und ihre den Erdball umspannenden Netzwerke waren bislang blind für die nicht-digitale Welt, hatten keine Verbindung zu den Dingen, Objekten und Gegenständen, aus denen sich die Umwelt für den Menschen zusammensetzt. Durch mühsam getippte Eingaben musste er sie den Rechnern begreiflich machen. Macht Nokias Beispiel Schule, öffnet sich für Computer der Blick auf die reale Welt -- vermittelt durch Gesten wie Berühren oder Zeigen, die bislang nur von Mensch zu Mensch funktionierten.
Klingt kompliziert? Ein paar Beispiele zeigen konkret, welche nützlichen Anwendungen aus der Verbindung von virtueller und realer Welt möglich werden: MÜNCHEN. Im Ubicom-Projekt der Fraunhofer-Einrichtung für Systeme der Kommunikationstechnik kommt an jeden Türrahmen ein Funketikett. Wechselt Dong-Hak Kim den Raum, schwenkt er seinen Palmtop mit Lesegerät an der Markierung vorbei. Ein System namens "Personal Office Gateway" registriert den Ortswechsel, leitet Anrufe für Kim in den neuen Raum weiter und schaltet für ihn dort gleich Geräte wie PC, Drucker oder Beamer frei. Wenn Kims Kollegin Dorothea Gothan ein Buch aus dem Bestand des Instituts entnimmt, registriert ein Lesegerät an ihrem PC das Funketikett auf dem Buchrücken. Wer im Intranet nun nach diesem Buch sucht, wird an Dorothea verwiesen. Der stellvertretende Projektleiter Richard Wimmer zeichnet das Bild vom komplett verlinkten Büro: "Es ist durchaus denkbar, eine solche Umgebung mit entsprechenden Suchmaschinen abzuscannen. Nach dem Motto, wen oder was finde ich gerade wo?"
AMSTERDAM. Andrew Goldman zückt sein Handy vor dem bunten Werbeposter in einem Amsterdamer Kongresszentrum. Der PR-Mann von Philips berührt mit seinem Telefon das DIN-A1-Bild mit dem Konterfei der Videospiel-Lady Lara Croft. Es piept, als das Telefon den im Poster versteckten Funkchip erkennt und dem Handy die Download-Adresse für das Tomb-Raider-Videospiel übermittelt. Über den Daten- funk GPRS kann es das Spiel gleich herunterladen. Philips hat das zusammen mit Universal Music und, für die Bezahlung, dem Kreditkarten-Unternehmen Visa schon demonstriert. TOKIO. Der japanische Telefonriese NTT DoCoMo liefert seit diesem Sommer Handys mit den neuartigen "FeliCa"-Chips von Sony aus. Die so ausgestatteten Geräte sollen für Zugangskontrollen, Identifikation und Bezahlvorgänge gut sein. "Unser Ziel ist es, dass im Jahr 2009 Millionen von Menschen ohne Brieftaschen herumlaufen", sagt Takeshi Natsuno von NTT DoCoMo. In diesem Fall fungiert das Telefon nicht als Lesegerät, sondern selbst als der Gegenstand, der via Funkabfrage Informationen preisgibt.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 09/2004 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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