"Wir sind uns der Bedenken sehr wohl bewusst", zitiert das renommierte Fachmagazin Nature in seiner aktuellen Ausgabe Paul Volberding. Doch so ganz überzeugend wirkt der angesehene AIDS-Forscher nicht. Und so richtig glücklich wird der Mediziner von der University of California, San Francisco, auch nicht gewesen sein, als Nature-Journalist Jim Giles ihn um eine Erklärung zu den Vorgängen bat, auf die er bei seinen Recherchen stieß: Giles und seine Kollegin Rosie Taylor haben untersucht, wie und welchen Einfluss die Pharma-Industrie auf die Verschreibungspraxis von Medikamenten nimmt. Ihr ernüchterndes Fazit: Die Hersteller von Mitteln, die dem Menschen möglichst zur Genesung verhelfen sollen, ziehen und zerren an der Darstellung der Studienergebnisse und versuchen Ärzte auf vielfältige Weise für ihre Präparate einzunehmen. Unrühmliches Beispiel in dieser Liste: Paul Volberding.
Im vergangenen Jahr empfahl Volberding den Einsatz von Epoetin Alpha, um Anämien bei HIV-positiven Patienten zu behandeln. Doch war seine Entscheidung wirklich unabhängig? Der Wissenschaftler und alle sechs seiner Kollegen, die das Medikament ebenfalls begutachteten, wurden bezahlt - von eben der Firma, die Epoetin Alpha produziert, Ortho Biotech, einem Pharmaunternehmen aus New Jersey.
Das Verhalten mag empfindliche Seelen etwas bestürzen. Ungewöhnlich ist es hingegen nicht. In jedem Fachgebiet haben medizinische Fachgesellschaften so genannte Leitlinien für die Therapie einzelner Krankheiten festgelegt, nach denen sich Ärzte richten sollten. So etwa, mit welchen Mitteln Bluthochdruck oder chronische Schmerzen am besten zu behandeln sind. "Doch oftmals sind diese Fachgesellschaften und die darin organisierten Wissenschaftler finanziell von der pharmazeutischen Industrie abhängig", sagt Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig), einer Einrichtung, die den Nutzen von Medikamenten und allen anderen therapeutischen und diagnostischen Verfahren prüfen soll - um die Versorgung der Patienten zu verbessern.
Arzneimittelhersteller übernehmen die Kosten für Kongresse, Forschung oder zahlen direkt überhöhte Honorare an Mediziner und wissenschaftliche Meinungsführer wie Volberding. Auch er und seine Mitarbeiter wurden für Seminare und wissenschaftliche Beratung entlohnt. Mehrere tausend Euro für einen halbstündigen Vortrag seien dabei keine Seltenheit, so Sawicki, "die Grenze zur Bestechung ist nur schwer abzuschätzen".
Permalink: http://heise.de/-277739