06.03.07
Infotech | Software

Digitaler Türsteher

Von Martin Kölling, Tokio

  1 2 >> | 6020 Zeichen

Druck | Leserbrief | Weitermailen | Heft bestellen | Forum (2 Kommentare)

Bild 1 [180 x 180 Pixel @ 71,4 KB]

Infotech | Software

The Latest

Chronologie | Glossar | Grundlagen | Big Picture | Akteure

Links | Literatur | Foren

Forschung & Produkte  | Horizonte | Analyse & Meinung  | Fokus | Interviews

Ein spiegelglattes Gewässer trennt im Kioter Entwicklungszentrum des japanischen Elektronikherstellers Omron die Außen- von der Innenwelt. Ein Sinnbild für den Sanzunokawa, den Totenfluss, der irdisches Mühsal von der Traum- und Totenwelt scheidet. Im mit Designermöbeln bestückten Jenseits sollen Omrons Ingenieure ihre Kreativität austoben. Die neueste Ausgeburt ihrer Fantasie hat das Zeug, zum Schrecken der alkoholdurstigen Partyjugend zu werden. Omron brüstet sich damit, weltweit als erstes Unternehmen eine nahezu marktreife automatische Altersbestimmung vorzustellen. Das Gesichtserkennungssystem kann in Sekundenbruchteilen anhand des Foto- oder Videobildes eines Menschen urteilen, ob eine Person volljährig ist oder nicht.

Das Absatzpotenzial dieser Idee ist riesig in Japan. Denn der Gesetzgeber im Land der aufgehenden Sonne verlangt, dass ab 2008 Hunderttausende von Getränkeautomaten Alkoholika nicht mehr an unter 20 Jahre alte Minderjährige ausspucken dürfen. Für die Vielzahl der Amusement-Center und Videospielhallen wurde der Zugang bereits 2006 verschärft. Außerdem eigne sich das System, um Minderjährigen nicht altersgerechte Inhalte im Fernsehen oder Internet vorzuenthalten, rundet die zuständige Entwicklerin Erina Takikawa Omrons Vorstellung der Einsatzgebiete ab. „Wir hoffen, in ein bis zwei Jahren die ersten Produkte verkaufen zu können.“

Technisch ist das System schon weit fortgeschritten. „Wir haben eine Erkennungsrate von 90,6 Prozent“, sagt Takikawa. Blitzschnell erkennt das Bild selbst in Gruppen gehender und laufender Menschen Gesichter, verfolgt sie mühelos und beurteilt, ob die Wesen erwachsen sind oder jugendlich. Jedes erkannte Gesicht wird dazu auf dem Computerbildschirm mit einem Quadrat markiert und dem jeweiligen Attribut „Erwachsener“ oder „Minderjähriger“ versehen. Um die Arbeit für das potenzielle Überwachungspersonal vor dem Bildschirm einfach zu machen, wandert die Beschriftung hübsch mit den Menschen mit. Selbst durch das Tragen von einer in Japan sehr beliebten Stoffmaske über Nase und Mund, mit denen die Japaner Erkältungsviren abblocken wollen, lässt sich das System nicht austricksen.

Die neue Anwendung ist Teil von Omrons Gesichtserkennungstechnologie „Okao Vision“. Okao ist die höfliche Bezeichnung für Gesicht. Das Unternehmen startete das Projekt 1995 getreu der Unternehmensvision, die Maschinen an den Menschen anzupassen. Besonders der Gesichtserkennung kommt bei der Interaktion von Maschinen und Menschen eine wichtige Rolle zu, erklärt Takikawa: „Das menschliche Gesicht enthält viele Informationen über eine Person wie Geschlecht und Alter.“

Diese Informationen den Maschinen verständlich zu machen, stellt die Forscher vor große Herausforderungen. Zuerst müssen Gesichter in Bildern geortet und verfolgt werden. Der nächste Schwierigkeitsgrad ist die Identitätskontrolle, die heute schon oft eingesetzt wird. Komplexer ist das Auslesen von Körperzuständen wie Müdigkeit oder Zorn und Attributen wie Geschlecht und Alter oder gar Schönheit.

Als erstes Produkt verkaufte Omron seine pure Gesichtserkennungstechnik an Digitalkamerahersteller. Die nutzen sie für Autofokus-Systeme, die automatisch auf Gesichter in Szenen scharfstellen. Als zweites Produkt folgte eine Gesichtserkennung als Verifikation für Handy-Nutzer: Man halte das Handy vors Gesicht, knipse ein Selbstbildnis, und das Handy wird freigeschaltet. Die Gesichtskontrolle, als Sicherheitsmechanismus für die in Japan immer weiter verbreiteten Geldhandys gedacht, hat nur einen Haken. Selbst wenn man dem Handy ein Foto des Besitzer vorhält, schaltet es sich frei.

  1 2 >> | 6020 Zeichen

Druck | Leserbrief | Weitermailen | Heft bestellen | Forum (2 Kommentare)