Bild: Kira Wales (cc-by-sa 2.0)
Jim Wales hat Finanzwirtschaft studiert, doch seine Promotion in diesem Fach nicht beendet. Als Vater der im Jahr 2001 gegründeten "freien" Online-Enzyklopädie Wikipedia gelangt er zu Weltruhm. Im Jahr 2004 gründete er das Unternehmen Wikia, das Anfang dieses Jahres die Open-Source-Suchmaschine Wikia Search online geschaltet hat. Im Interview mit Technology Review erklärt Jim Wales, wie er seine Bekanntheit nutzt, Wikia Search frei bleiben muss und wie sich das mit kommerziellen Interessen vereinbaren lässt.
Technology Review: In Deutschland will man Such-Technologie fördern, Sie haben bereits ihre zweite private Finanzierungsrunde abgeschlossen. Wie wäre es mit ein paar Tipps?
Jim Wales: [lacht] Als Erstes muss man eine gemeinnützige Website erstellen, die Platz 8 der beliebtesten Websites weltweit erreicht. Dann kommt das Geld ganz einfach rein. Aber im Ernst: Wie man das richtig macht, weiß ich gar nicht so genau. In meinem Umfeld waren viele Leute an diesem Projekt interessiert und wollten die neuen Ideen unterstützen.
TR: Die Algorithmen Ihrer neuen "Wikia Search" sollen offen liegen. Warum sollte ich wissen, wie eine Suchmaschine funktioniert?
Wales: Angenommen, es gibt ein Justizsystem mit geheimen Gerichtsverhandlungen, aber offenbar ziemlich guten Ergebnissen. Richtig froh wären wir mit diesem Ansatz nicht, da keine Leute aufgrund geheimer Verhandlungen ins Gefängnis geschickt werden sollten, selbst wenn die Ergebnisse in den meisten Fällen vernünftig sind. In gewisser Hinsicht ist dieses Projekt eine politische Aussage, da wir gezielt darauf achten, was mit Transparenz und Offenheit der Kernfunktionen im Internet passiert. Dazu kommen aber auch ganz praktische Gründe: Wir brauchen eine offene Plattform für offene Forschungsarbeit.
TR: Profitieren Sie dabei von der Angst vor Google und Co.?
Wales: Das kann gut sein. Ich selbst bin kein Anhänger dieser Theorien. Aber in der Tat wird der Internetverkehr für Suchabfragen von nur wenigen Unternehmen gesteuert. Viele Verbraucher finden das recht beunruhigend, und das ist eine gute Begründung dafür, nach einer Alternative zu verlangen.
TR: Bei Wikia Search sind aber immer noch Sie und ihr Bekanntheitsgrad das wichtigste Feauture, oder?
Wales: Natürlich verschaffe ich dem Projekt durch meine Persönlichkeit und meinen bisherigen Werdegang viel Aufmerksamkeit. Tatsächlich ein äußerst positiver Nebeneffekt, wenn Sie mich fragen.
TR: Ich habe Wikia Search mit der Suche nach "Sascha Mattke" getestet. Kennen Sie ihn?
Wales: Nein, kenne ich nicht.
TR: Das ist mein Chef. Bei Ihnen gab es für ihn 3 Treffer, bei Google 5060. Was sagen sie dazu?
Wales: Im momentanen Testlauf bewegen wir uns in einem sehr kleinen Segment des Internet. Vom technischen Standpunkt aus gesehen ist es nicht sonderlich schwierig, die Trefferquote von 3 auf 5000 aufzublähen. Doch was passiert, wenn wir die gleiche Anzahl an Treffern wie Google erreichen? Liefern wir dann in den ersten fünf oder zehn angezeigten Ergebnissen so befriedigende Antworten wie Google? Darin liegt die eigentliche Schwierigkeit bei Suchabfragen.
TR: Deswegen der Schalter "Ergebnisse diskutieren" neben Ihren Treffern?
Wales: Wir möchten die Leute beim Suchen dazu animieren, einen so genannten Mini-Artikel zu erstellen. Dadurch erhalten die Benutzer die Chance, Kommentare, Widersprüche oder Beschwerden beizutragen. Die anderen Bearbeiter des Mini-Artikels können dann direkt sehen, welche Aktionen vielleicht erforderlich sind.
TR: Das verbessert die Suche?
Wales: Die Kommentare selbst können dazu führen, dass der Mini-Artikel bearbeitet und um hilfreiche Informationen ergänzt wird. Die andere Option, die die Benutzer haben: Sie können Bewertungssterne für die Ergebnisse vergeben. Zurzeit sammeln wir Daten dazu und evaluieren, welche Bedeutung diese Daten in Bezug auf die Benutzer, ihre sozialen Netzwerke und so weiter haben.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 03/2008 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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