Überwachungsparadies auf Erden
Das Wissen aus seinen früheren Arbeiten fließt in die aktuelle Forschung von Federraths Gruppe an sogenannten Vehicular Ad Hoc Networks (VANETS) ein – Funknetzwerke, die sich dynamisch zwischen Fahrzeugen bilden. Sie sollen in erster Linie zur Verkehrssicherheit beitragen, indem jedes Auto Daten über Geschwindigkeit, Position oder Straßenzustand mit den anderen austauscht und so in jedem Fahrzeug ein Überblick über die momentane Verkehrssituation entsteht.
Dass dabei auch die Datenschutz-Interessen aller Beteiligten gewahrt bleiben und gleichzeitig eine Strafverfolgung ohne automatisierte Überwachung möglich ist, will Federrath mit einer ausgefeilten Sicherheitsarchitektur sicherstellen. Noch vor wenigen Jahren hätte er für diese Berücksichtigung von Datenschutz-Interessen bei einer neuen Technologie wohl mit Wohlwollen aus der Politik rechnen können. Doch damit ist es vorbei: Federrath macht nach eigener Aussage zunehmend die Beobachtung, dass sich weniger Forschungsgelder für Privacy-Projekte akquirieren lassen.
Dies bestätigt auch Kai Rannenberg, Inhaber der T-Mobile-Stiftungsprofessur für M-Commerce und mehrseitige Sicherheit an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main. Als für sich prägend bezeichnet der 43-Jährige die Debatte um die nicht unterdrückbare Rufnummernanzeige bei ISDN: "Wenn Datenschutz und Datensicherheit erst kommen, nachdem die Standards bereits geschrieben sind und die Infrastruktur bereits gelegt ist, dann ist die Einflussnahme sehr schwierig."
Rannenberg rühmt sich, Schöpfer des Fachbegriffes "Mehrseitige Sicherheit" zu sein, der für eine bewusste Balance zwischen den Interessen der einzelnen Parteien in einem technischen System steht. Aktuell versucht er, sein Konzept bei den sogenannten ortsbasierten Diensten (location based services, LBS) zu verwirklichen. Handy-Nutzer geben dafür ihre Ortsinformationen frei und spezifizieren Interessen, um sich im Gegenzug Informationen über maßgeschneiderte Angebote oder anwesende Freunde in ihrer momentanen Umgebung aufs Mobiltelefon schicken zu lassen.
Aus der Sichtweise der Behörden aber verknüpfen Location Based Services die Ortsinformationen des Verdächtigen mit weiteren sensiblen Informationen, nämlich seinen Interessen: "Sie wissen, wer Ihre Freunde sind, wo Sie gerade sind – und das in Echtzeit. Das ermöglicht nicht nur eine Überwachung vom Schreibtisch aus, sondern auch eine viel aussagekräftigere Analyse Ihres sozialen Netzwerkes", erläutert Rannenberg. Die LBS schaffen somit das Überwachungsparadies auf Erden. Entwickeln sie sich zum umsatzstarken Geschäftsfeld, werden die Mobilfunkbetreiber in noch bessere Lokalisierungsverfahren investieren, die Anwender sogar aus eigener Tasche Handys mit genauen GPS-Sendern bezahlen.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 06/2007 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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