Alan Coleman von ES Cell International
Als im kühl nebligen Schottland 1996 das Klonschaf Dolly geboren wurde, war auch Alan Coleman als Forschungsleiter der beteiligten Firma PPL Therapeutics dabei. Seit 2001 schwitzt der britische Biologe lieber im schwülheißen Singapur, wo er die Firma ES Cell International gründete, um embryonale Stammzellen anwendungs- und marktreif für die Therapie von degenerativen Erkrankungen zu machen. Doch jetzt hat Colemans Firma das ambitionierte Ziel aufgeben müssen. Technology Review sprach Coleman in Singapur über Hype und Probleme des jungen Forschungsgebiets, den Stand bei adulten Stammzellen und die Singapurer Forschungsstadt "Biopolis".
Technology Review: Warum hat ES Cell International das Ziel aufgeben müssen, eine Therapie auf Basis embryonaler Stammzellen zu entwickeln?
Alan Coleman: Die Investoren hatten Bedenken, dass dieses Ziel noch zu weit entfernt sei. Die Entwicklung einer Stammzelltherapie zu finanzieren, scheint derzeit zu risikoreich zu sein, zumindest wenn man ein Produkt schnell zur Marktreife bringen muss. Darüber bin ich enttäuscht, schlafe deshalb aber nicht schlechter. Es ist ja nicht so, dass wir nichts erreicht hätten.
TR: Die Bostoner Stammzellfirma Viacell hat ihr Labor in Singapur geschlossen. Wird ES Cell International bleiben?
Coleman: Die Firma ist noch immer hier in Singapur, allerdings sind wir jetzt kleiner geworden und konzentrieren uns auf marktnähere Forschungsfelder. Dazu gehören die Suche nach Wirkstoffen und das Testen ihrer Nebenwirkungen mit Hilfe von Stammzellen. Und wir forschen weiter an embryonalen Stammzellen für eine Zelltherapie, weil wir nach wie vor sicher sind, dass embryonale Stammzellen eine große Bedeutung haben werden.
Allerdings machen wir das im akademischen Sektor: Ich bin jetzt verantwortlich für das Stammzellkonsortium hier in Singapur, das umgerechnet 70 Millionen Euro in einem Zeitraum von dreieinhalb Jahren zur Verfügung hat, die für alle Typen von Stammzellforschung eingesetzt werden soll. In Singapur wird also nach wie vor viel in dieses Forschungsgebiet investiert, aber weniger davon geht in die kommerziellen Aktivitäten, sondern eher in die akademischen Forschungsprojekte.
TR: Noch vor ein paar Monaten hieß es, dass ES Cell International 2008 mit den ersten klinischen Tests von Zelltherapien auf Basis menschlicher embryonaler Stammzellen beginnen wolle. Haben Sie heute eine realistischere Prognose für die erste Stammzell-Therapie?
Coleman: Wir müssen sehr genau aufpassen, nicht vorschnell Erwartungen zu wecken. Wir waren uns immer im Klaren darüber, dass es lange dauern würde. Allerdings dauert es offenbar noch länger, als wir dachten. Es ist eine enorme technische Herausforderung, aus embryonalen Zellen spezialisierte Körperzellen zu machen. Dazu muss man den Zellen Instruktionen geben, aber bisher weiß man kaum, welches die richtigen Instruktionen sind.
Aber selbst wenn man die richtigen Zellen gezüchtet hat, müssen sie noch an die richtige Stelle im Körper gebracht werden. Wenn chronische Herzerkrankungen behandelt werden sollen, dann müssen die Zellen in das schlagende Herz integriert werden. Das ist ein wenig so, als würde man einen Automotor reparieren wollen, während er gerade läuft. Es gibt sehr viele derartige Herausforderungen, und es kostet eine Menge Anstrengungen, sie zu lösen. Und deshalb verzögert sich das alles.
TR: Womit soll ES Cell International in Zukunft Geld verdienen?
Coleman: Wir haben sechs Bush-Linien, also embryonale Stammzelllinien, die von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA und den National Institutes of Health zugelassen und deshalb für den Verkauf in den USA geeignet sind. Darüber hinaus haben wir in Australien sechs weitere embryonale Stammzelllinien hergestellt, die für den Gebrauch in der Klinik am Menschen geeignet sind. Außerdem züchten wir Herzmuskelzellen, denn in den USA müssen zukünftig alle Medikamente auf eventuelle Nebenwirkungen auf das Herz getestet werden. Aber bisher gibt es kein Herzmuskelgewebe, das für solche Tests verwendet werden könnte. Wir können diese Zellen aus embryonalen Stammzellen herstellen. Trotzdem wird eine Anwendung noch auf sich warten lassen, weil der Gebrauch solcher Zellen als Test erst noch validiert werden muss. Und es könnte auch sein, dass einige Firmen ethische Bedenken haben, menschliche embryonale Stammzellen für Medikamententests einzusetzen.
TR: Dann ist es derzeit nicht nur in Singapur, sondern generell schwierig, aus Stammzellforschung marktreife Produkte zu machen?
Coleman: Man kann die Stammzellforschung ein wenig vergleichen mit dem, was in der Gentherapie passiert ist: viel Hype. Aber anders als in der Gentherapie sind Investitionen in die Stammzellforschung nicht nur wegen der Option auf eine Therapie nützlich, sondern auch weil es ein Weg ist zu verstehen, wie sich der Körper entwickelt. Das Investitionsklima ist derzeit für viele sehr schwierig. Und bei embryonalen Stammzellen müssen vermutlich mehr Herausforderungen überwunden werden, bis man ein Produkt hat, das sicher ist und gut funktioniert. Das soll nicht heißen, dass es längerfristig mit embryonalen Stammzelltherapien keine Erfolge geben wird. Aber in den nächsten drei, vier Jahren, werden wir eher Produkte auf Basis adulter Stammzellen sehen, mit mesenchymalen Stammzellen aus dem Knochenmark oder der Plazenta oder der Nabelschnur.
TR: Das klingt, als hätten adulte Stammzellen das Rennen vor den embryonalen gewonnen. Haben Sie auf den falschen Zug gesetzt?
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