Fertigung ist kein Auslaufmodell
12.07.11 –
Blick in die neue Fertigungshalle des Batterieherstellers A123 Systems. (Roy Ritchie)
Die MIT-Forscherin Suzanne Berger warnt davor, dass sich Industrieländer – allen voran die USA – auf Forschung, Innovation und Dienstleistungen konzentrieren. Das Erfolgsrezept der IT-Industrie lasse sich nicht in die Zukunft fortschreiben.
Die USA haben in den vergangenen Jahrzehnten eine schleichende Deindustrialisierung erlebt. Zwar stellen sie weltweit immer noch 19,4 Prozent aller Waren her, womit sie inzwischen hinter China rangieren, das einen Anteil von 19,8 Prozent hat. Aber zwischen 2000 und 2010 schrumpfte die Zahl der Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe um 34 Prozent – ein Verlust von sechs Millionen Jobs. Wie es mit dem Industrieland USA weitergeht, ist nur schwer zu beantworten.
Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das Schrumpfen von Fertigungsjobs nicht nur einem Produktivitätszuwachs geschuldet ist, was man lange Zeit annahm. Ein guter Teil geht auf das Konto zunehmender chinesischer Importe. Bedeutet das, dass die Industrieproduktion in einem Hochlohn-Land nur begrenzte Zukunftschancen hat? Braucht ein Land wie die USA überhaupt eine inländische Produktion, wenn die industrielle Fertigung ein Gut geworden ist, dass man einfach und billig im Ausland kaufen kann? Sollen wir uns überhaupt noch auf die Industrieproduktion konzentrieren, wenn die Wirtschaft immer stärker von Dienstleistungen geprägt wird?
Diese Fragen haben eine lange Tradition in der Politischen Ökonomie der USA. Bereits in den Gründungstagen der Republik plädierte der Bankier Alexander Hamilton für eine Industriepolitik, die die heimische Produktion ankurbelt. In den 1980ern waren es dann die wachsenden Marktanteile japanischer Auto- und Elektronikhersteller, die eine ähnliche Debatte anstießen: Sollte die Bundesregierung diese Konkurrenz abwehren und die US-Produktion wiederbeleben?
Die Verfechter dieser Position argumentierten, dass die Industrieproduktion eine entscheidende Rolle für Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen spiele und die nationale Sicherheit stärke. Die Kritiker hielten dagegen, dass Regierungen nicht in der Lage seien, gute industriepolitische Entscheidungen zu treffen – dass sie nicht einfach Gewinner und Verlierer auswählen könnten.
Mehr noch bestritten die Kritiker, dass die Industrieproduktion überhaupt eine besondere Rolle spiele, die sich von anderen wirtschaftlichen Aktivitäten unterscheide, oder dass irgendeine Fertigungsbranche wertvoller sei als andere: „Kartoffelchips oder Siliziumchips – wen interessiert das? Beides sind Chips“, spitzte Richard Darmann, während der Regierung von George Bush Sr. Direktor des Office of Management and Budget, diese Position zu.
Und doch gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen der damaligen Sorge um die Produktion und der heutigen. In den vergangenen 25 Jahren hat ein grundlegender Wandel in der Struktur der Produktion stattgefunden: Dank Digitalisierung und Modularisierung lassen sich Forschung und Entwicklung (F&E) sowie Design auf der einen und die eigentliche Fertigung auf der anderen Seite trennen. Früher waren sie in den Unternehmen noch miteinander verflochten gewesen.
Einige erfolgreiche Firmen haben in den vergangenen 30 Jahren vorgemacht, dass es sehr wohl plausibel ist, die Fertigung auszulagern, ohne die eigene Innovationsfähigkeit zu schwächen. Als es möglich wurde, die verschiedenen Produktionsstadien von der Konzeption bis zum fertigen Produkt zu Teilschritten zu formalisieren und Design von Produktion zu trennen, entstanden neue Branchen um Unternehmen wie Apple, Qualcomm und Cisco. Indem sich die vernetzte Produktion fragmentierte, gelang es Firmen, die sich auf Kernkompetenzen konzentrierten, marktbeherrschende Positionen einzunehmen – vor allem in IT-beeinflussten Branchen. Die großen US-Unternehmen der letzten 25 Jahre haben allesamt kaum eigene Fertigungsstätten aufgebaut. Und viele der vertikal integrierten Konzerne wie Hewlett-Packard oder Texas Instruments lagerten ihre Fertigung im Laufe der Zeit an asiatische Zulieferer aus.
Die IT-Industrie wurde gewissermaßen zum Paradigma für den industriellen Wandel. Angesichts des enormen Erfolgs von Apple oder Dell wurden deren Geschäftsmodelle zum Vorbild für andere. Fortgeschrittene Industrieländer scheinen demnach am besten zu fahren, wenn sie F&E, Design und Distribution als Standvorteile ausspielen und die Fertigung weniger entwickelten Ländern überlassen, mit ihrem Heer weniger gebildeter, weniger fordernder, billiger Arbeitskräfte.
Forschungsarbeiten von Dedrick, Kraemer und Linden – die die Wertschöpfung von Statussymbolen wie iPod oder iPhone analysierten – zeigten, dass der Löwenanteil von Profiten und hochbezahlten Jobs nach wie vor auf die fortgeschrittenen Industrieländer entfiel. Wenn Apple ein iPhone für 600 Dollar verkaufen kann, für die Fertigung in China aber nur sieben Dollar zahlen muss: Warum sollte Apple oder irgendein anderes Hightech-Unternehmen die Produktion selbst übernehmen?
Die Zusammenarbeit zwischen Firmen, die auf F&E und Design oder auf Fertigung in Billiglohnländern spezialisiert sind, hat im letzten Vierteljahrhundert beiden Seiten genützt. Klar ist aber auch, wer dabei besser gefahren ist. Es wäre deshalb schwierig, das „Heimholen“ solcher Jobs in die USA als eine gute Industriepolitik zu begründen.
Die Frage ist jedoch, ob Modularität und eine Trennung von Innovationsarbeit und Produktion die großen neuen Industrien der nächsten Jahrzehnte ebenso prägen werden. Die MIT Production in the Innovation Economy Commission hat Firmen aus den Branchen Windkraft, Solarenergie, Biotechnik, Werkstoffe, Batterietechnik und anderen neuen Technologiebereichen untersucht. Nach den bisherigen Ergebnissen gibt es begründete Zweifel, dass das Paradigma der IT-Industrie sich auf diese Branchen übertragen lässt. Wollen sie Laborprototypen auf Produkte und Dienstleistungen hochskalieren, stellen sich ihnen andere Probleme als bei der Kommerzialisierung von Software oder Elektronikprodukten – so brauchen sie für den Schritt auf den Markt zum Beispiel deutlich mehr Kapital.
Auch lassen sich in diesen Branchen F&E, Design und Fertigung schlechter voneinander trennen als in der IT-Industrie. Die innovativsten F&E-Konzepte für Solarenergie verlangen gerade billigere und effizientere Fertigungsverfahren, obwohl die Photovoltaik eigentlich eine recht weit entwickelte Technologie ist. Während Firmen wie Suntec den Sprung zum großen Player mit fortgeschrittenen Fertigungsverfahren geschafft haben, entwickeln Start-ups wie 1366 Technologies eigene Verfahren, die die Kostenstruktur in der Solarzellfertigung drastisch verändern könnten. In beiden Fällen liegt die Innovation in der Produktion.
Zudem lassen sich in einigen der neuen Branchen die Produkte nicht so modularisieren wie in der IT-Industrie. Entwicklungsingenieure müssen hier in engem Kontakt mit der Fertigung bleiben, um effizientere Abläufe entwickeln zu können. Weil Innovation und Produktion enger miteinander verbunden sind, könnte das Design näher an den Endkunden heranrücken, wenn sich hochwertige Produkte nun auch in kleineren Stückzahlen fertigen lassen.
Ist dieses Heranrücken der Produktion an die Front der Innovation die Chance für die USA? Fortschritte bei Energie, Biotechnik, Medizin, Transport, Umwelttechnik, Kommunikation, Bautechnik und Sicherheitstechnik haben das Potenzial, Wirtschaft und Gesellschaft zu verändern. Doch es könnte sein, dass nur die Länder das Potenzial ausschöpfen können, die eine starke Verbindung zwischen Laborforschung und neuen Fertigungsverfahren knüpfen können. Letztere müssen wiederum nicht unbedingt zu einer Ausweitung des produzierenden Sektors mit vielen neuen Jobs führen. Gewiss würden sie aber die heutigen Geschäftsmodelle und Technologien umkrempeln.
Es gibt zwei Gründe für einen verhaltenen Optimismus, dass sich die amerikanische Industrieproduktion erneuern kann. Erstens zeigt die Leistungsfähigkeit der verarbeitenden Branchen in einigen anderen Industrieländern, dass Fertigung und Fabrikarbeit in Hochlohnländern nicht zum Scheitern verdammt sind. In Deutschland, wo die Löhne und die Sozialleistungen höher sind als in den USA, gibt es doppelt so viele Arbeitsplätze in der Produktion. Deutschland hat einen Handelsbilanzüberschuss sogar gegenüber China.
In Ländern mit einer gut ausgebildeten Bevölkerung und einem hohen Lebensstandard ist ein Wiedererstarken der Fertigung möglich. Für die USA würde das aber bedeuten, ihre veralteten Industriestrukturen zu überholen, die oft weniger effizient sind als die neuen Großanlagen in Asien.
Zweitens sind ganz neue Fertigungstechnologien durchaus schon in Griffweite. Die Nachfrage etwa nach neuen und saubereren Energiequellen verspricht enorme Märkte für Technologien , die sich billig genug herstellen lassen, um konkurrenzfähig gegenüber fossilen Energien zu sein. Einige sprechen schon von einer neuen industriellen Revolution, die vergleichbare Auswirkungen haben wird wie die Einführung von Fabriken, neuen Energiequellen und technischen Verfahren im 19. Jahrhundert. Zusätzlich zu 3D-Druck-Verfahren bieten Biofabrikation und Nanomaterialien neue Chancen. Sollen diese Ideen in eine zukunftsweisende Produktion und in leistungsfähige Industrien überführt werden, brauchen wir eine neue Politik – die versteht, warum die Industriefertigung nach wie vor eine wichtige Rolle spielt.
Suzanne Berger, 71, ist Professorin für Politikwissenschaft am MIT und hat vor allem zu Wirtschaftspolitik und Globalisierung gearbeitet. Sie ist eine der Vorsitzenden des MIT-Projekts Production in the Innovation Economy.
