Feuriger Vortrag
24.08.11 – Astrid Dähn
Die Kommunikationskultur in der Wissenschaft wandelt sich. Obgleich die Scheu vor zu viel Selbstdarstellung noch immer sehr tief sitzt, wagen sich mehr und mehr Forscher an ungewöhnliche Wege, um ihre Fachkenntnisse anschaulich zu vermitteln.
Die Bühne scheint nicht recht zum Vortragenden zu passen. In Hemd und Sakko, mit einem Laserpointer in der Hand, steht Hanno Depner auf dem schwarzen Holzpodest und erläutert die komplizierten Diagramme auf der Leinwand hinter ihm. Das Wirrwarr aus Linien und Pfeilen soll dem Publikum die Grundmuster im Gedankengebäude des Philosophen Immanuel Kant vor Augen führen. An der Raumdecke über Depner schimmert eine silbrige Diskokugel, übermannshohe Lautsprecherboxen rechts und links des Podiums deuten darauf hin, dass hier, im Szeneclub SO36 in Berlin-Kreuzberg, normalerweise lautere Töne angeschlagen werden als das leise Lied der Erkenntnistheorie.
Doch die Zuschauer auf den voll besetzten Holzbänken des Clubs irritiert das nicht. Gespannt verfolgen sie, wie Depner Kants komplexe Ideenwelt in immer bunteren Skizzen zu veranschaulichen sucht. Als er schließlich einen Bastelbogen aus Pappe zur Hand nimmt, ihn zu einem wohldurchdachten System aus Quadern, Würfeln und Ebenen umklappt und so – unter der Überschrift „Kant in 3D“ – immer neue Dimensionen des philosophischen Gesamtwerks entfaltet, beginnt das Auditorium zu johlen. „Ich finde es toll, wie die Vortragenden versuchen, selbst die trockensten wissenschaftlichen Themen mit ein bisschen Humor rüberzubringen“, kommentiert eine junge Frau aus dem Publikum Depners didaktische Leistung. Der 37-jährige Philosophie-Experte ist der dritte Redner des Abends, vor ihm haben schon eine Politikwissenschaftlerin und ein Physiker über ihre Forschung gesprochen, nach ihm ist noch ein Astronom an der Reihe.
„Science Slam“, zu deutsch: „Wissenschaftswettstreit“, lautet der offizielle Name für einen solchen Vortragswettbewerb, wie er an diesem Abend in Kreuzberg stattfindet: Junge Nachwuchswissenschaftler, in der Regel Diplomanden, Doktoranden oder Postdocs, bekommen zehn Minuten Redezeit, um dem Publikum einen wissenschaftlichen Sachverhalt, meist Aspekte ihrer eigenen Forschungsarbeit, möglichst verständlich und mitreißend zu erläutern. Ob Beamer, Kurzexperiment oder Bastelpappe – solange die Vortragszeit nicht überschritten wird, ist dabei jedes Hilfsmittel erlaubt. Am Ende der Programms entscheiden die Zuschauer, welcher Auftritt ihnen am besten gefallen hat.
„Was wir hier machen, ist kein Slapstick. Die Redner stellen in Minimalzeit reale wissenschaftliche Ergebnisse vor, und die Zuhörer sollen hinterher zumindest die Grundzüge des Problems erfasst haben. Dazu müssen die Vortragenden ihre Aussagen sehr genau auf den Punkt bringen“, erklärt Gregor Büning das Konzept der Veranstaltung. Der Umweltingenieur organisiert seit gut einem Jahr Science Slams in Berlin. Anfangs habe er befürchtet, den Saal nicht voll zu bekommen. Doch die Wettbewerbe sind beliebt. In nahezu jeder deutschen Universitätsstadt stehen Science Slams inzwischen regelmäßig auf dem Kulturprogramm, es gibt sogar Sonderwettbewerbe zu Spezialthemen wie „Energie“ und deutschlandweite Endausscheidungen für die Sieger der verschiedenen Städte. Pro Veranstaltung rechnet Büning mit 400 bis 700 Zuschauern.
An diesem Abend sind die Sitzplätze im SO36 bereits eine halbe Stunde vor Beginn restlos belegt, wer später kommt, muss stehen. „Indem sie sich auf ein ganz neues Format einlassen“, resümiert Büning, „erreichen die Redner auch Menschen, die sich sonst nie in einen Wissenschaftsvortrag verirren würden.“
Forscher als Entertainer, die selbst ein Massenpublikum in ihren Bann ziehen können – Veranstaltungen wie die Science Slams scheinen alle Vorurteile über die dröge, verknöcherte deutsche Wissenschaftskultur zu widerlegen. Ist da ein grundlegender Wandel im Gange? Werden aus eher nonverbalen, lichtscheuen Gelehrten, die bewusst wenig Wert auf Darstellung legen, allmählich begeisterte Kommunikatoren ihres Fachs?
„Die Einstellung der Forscher zur Vermittlung ihres Wissens hat sich hierzulande in den letzten zehn Jahren tatsächlich deutlich verändert“, sagt Peter Weingart, Professor am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Bielefeld. Grundsätzlich seien heute viel mehr Kollegen als früher bereit, ihre angestammten Laborplätze und Studierzimmer auch mal zu verlassen, um sich etwa Diskussionen in Klassenzimmern zu stellen, Uni-Seminare für Kinder anzubieten, samstägliche Show-Vorlesungen zu halten oder in einer „Langen Nacht der Wissenschaft“ Institutsbesuchern Experimente vorzuführen, sagt der Kommunikationsforscher. Zu Beginn des Jahres hat er eine Online-Befragung veröffentlicht, in der mehr als 1000 deutsche Wissenschaftler verschiedener Fakultäten, mehrheitlich Professoren, Auskunft geben sollten, wie sie den Dialog über ihr Fach bewerten. Danach halten es über 90 Prozent der Interviewten für wichtig, ihr Spezialgebiet einem breiten Publikum zugänglich zu machen, außerhalb wie innerhalb des Wissenschaftsbetriebs.
„Die meisten Forscher sehen es mittlerweile als eine Art moralische Verpflichtung, den Menschen, von denen sie über Steuergeld finanziert werden, auch zu sagen, was an den Instituten eigentlich gemacht wird“, nennt Weingart eines der Hauptmotive. Gleichzeitig hoffen die Wissenschaftler auf Werbeeffekte: Eine genauere Vorstellung vom Nutzen ihrer Arbeit soll helfen, Sponsoren aus Politik und Industrie zu finden. Mit packenden Vorträgen oder Lehrveranstaltungen für Schüler und Studenten wollen sie Nachwuchsforscher anwerben, an denen es vor allem unter Naturwissenschaftlern und Ingenieuren seit Jahren chronisch mangelt. Und nicht zuletzt zwingt die zunehmende Zahl an fächerübergreifenden Projekten die Wissenschaftler dazu, größeren Wert auf die Präsentation zu legen. „Wenn etwa Mediziner mit Psychologen oder Klimaexperten mit Ökonomen kooperieren“, erläutert Weingart, „müssen sie eine für alle nachvollziehbare Sprache finden.“ Das fordern selbst die Gralshüter der Wissenschaft: So verlangt etwa das renommierte Fachmagazin „Nature“ von seinen Autoren, sich so auszudrücken, dass auch „ein Wissenschaftler aus einer anderen Disziplin oder sogar ein Nicht-Wissenschaftler aus Ihrer Familie“ den eingereichten Artikel verstehen kann. Und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) empfiehlt in ihrem „Leitfaden zum Formulieren von Anträgen“, auf eine „einfache...
