Vierzig Jahre sind eine lange Zeit. Hatten Sie je den Eindruck, Sie müssten große Teile des Buches neu schreiben?
Knuth: Wenn Sie sich die aktuelle Auflage der ersten drei Bände ansehen, dann sind da einige Abschnitte mit einem Symbol markiert, das "Work in Progress" bedeutet. Auf diese Weise habe ich deutlich gemacht, dass ich mir bewusst bin, dass die Dinge sich ändern.
Und wenn Sie beispielsweise den dritten Band nehmen: Da gibt es einen sehr großen Abschnitt – rund hundert Seiten – über die Datenspeicherung auf Magnetbändern. Die Algorithmen sind sehr interessant, aber die Studenten sind heutzutage nicht mehr motiviert, so etwas zu lernen. Und so wird dieser Abschnitt in der nächsten Ausgabe verschwinden. Wenn ich mit anderen Leuten darüber rede, sagen die mir immer: "Oh, bloß nicht! Ich liebe das." Aber letztendlich ist das nur ein Drittel von vielen schönen Sachen, die ich rausschmeißen muss.
Sie haben von Schönheit gesprochen und von der Kunst des Programmierens. Können Sie Laien erklären, was ihr Begriff von Schönheit bedeutet?
Knuth: Das ist wie in der Literatur oder in der Musik. Wenn jemand ein gut geschriebenes Programm liest und den Stil bewundert, dann ist das schön. Sie bewundern vielleicht bestimmte Muster darin oder was auch immer – irgend etwas, das den Teil unseres Gehirns kitzelt, der für Glück zuständig ist. Ich halte heute Abend einen Vortrag über die Freude an technischen Illustrationen und es macht mir einfach Spaß, eineinhalb Stunden dazusitzen und herauszufinden, wie ich eine Abbildung wirklich gut hinbekomme. Wenn ich das schaffe, geht es mir für den Rest des Tages gut.
Das ist dieselbe Art Freude, die ein Maler empfindet oder ein Musiker, der morgens aufwacht und ihm fällt eine Melodie ein, die er dann in sein neues Stück einbaut. Ich kann einen Quelltext lesen und denken, das ist grauenhaft, das passt nicht zusammen, oder aber "Mann, das ist großartig". Natürlich kann man über diese Dinge verschiedener Meinung sein, aber das ist auch in der Kunst so.
Es gibt Leute, die sagen, dass die Entwicklung in der Informatik und in der Software-Entwicklung in den vergangenen Jahren viel zu technikzentriert war, dass man die Interaktion zwischen Mensch und Maschine vernachlässigt hat. Was sagen Sie dazu?
Knuth: Die User wissen nicht immer, was Sie wollen. Aber der schlimmste Fehler ist, dass eine Person das System spezifiziert, ein anderer es implementiert und ein dritter es dann benutzen soll, aber diese Leute sich niemals treffen. Das ist besonders schlimm in der ersten Generation eines Systems. Aber eine solche Separation macht die Manager glücklich, denn dann wissen sie, wie sie die Dinge managen sollen. Meiner Auffassung nach sind die erfolgreichsten Software-Projekte in den vergangenen Jahren aber immer mehr anarchisch als hierarchisch strukturiert gewesen. So funktioniert Google, so funktioniert Adobe – nun, ich weiß nicht viel über die internen Strukturen von Microsoft. Aber im Allgemeinen stehen die Leute sehr in Verbindung zueinander, und das trotz der Firmen-Rivalität. In der Computing-Szene werden viel mehr Ideen ausgetauscht als beispielsweise in der Biotechnologie. Ich versuche immer, meine Idee von mehr Parties im Silicon Valley zu lancieren, wo Leute aus verschiedenen Firmen hinkommen.
Also propagieren Sie Open Source?
Knuth: Ich habe mein Textsatzsystem TeX komplett offen gelegt. Aber ich habe immer gesagt, wenn jemand es nehmen und weiterentwickeln will, soll er das gerne tun. Aber er darf es nicht TeX nennen. Ich möchte zu der Idee der Modularität und der Transparenz gerne die Idee der Dauerhaftigkeit stellen – feste Punkte zu behalten, etwas, das in zehn Jahren garantiert immer noch dasselbe ist und funktionieren wird.
Hier in Europa gibt es eine andauernde Auseinandersetzung um Softwarepatente. Wie stehen Sie zu dieser Frage? Sind Programme Ihrer Meinung nach patentierbar?
Knuth: Ich bin ein wenig verwirrt. Als ich im Sommer in Schweden war, hieß es, das Gesetz sei gescheitert. Nun kommt es vielleicht doch.
Es ist jedenfalls gut möglich, dass eine entsprechende Regelung im zweiten Anlauf installiert wird.
Knuth: Wenn Sie die Anstrengungen gegen die Einführung von Softwarepatenten aufrecht erhalten können, werden meiner Meinung nach eine Menge Leute aus Amerika nach Europa kommen. Wenn es, als ich an TeX gearbeitet habe, die selben Regelungen gegeben hätte, die es heute in den USA gibt, hätte ich diese Arbeit nie erfolgreich vollenden können.
Ich habe einige Anmerkungen dazu in meinem Buch gemacht – schlagen Sie im Index unter Patente nach. Das größte Problem ist die Trivialität. Da werden Dinge patentiert, die jeder Student in einer Klausur machen kann.
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