Es gibt Leute, die sagen, dass ein Software-Projekt ab einer bestimmten Größe nicht mehr handhabbar ist. Es gibt andere, die sagen, dieser Punkt sei sowohl für Windows als auch für Linux längst überschritten. Wenn ich Sie richtig verstehe, argumentieren Sie, wenn man sauber dokumentiert und programmiert, kann man noch sehr viel größere Systeme in den Griff bekommen?
Knuth: Ich bin sicher, dass größere Systeme sicherlich möglich sind. Ich denke aber auch, dass es nicht hoffnungslos wäre, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Wenn sich jemand hinsetzen würde und alle bislang bekannten Konzepte von Betriebssystemen noch einmal überdenken würde – ist das beispielsweise die beste Art und Weise Programme zu speichern oder kann man nicht dafür sorgen, dass sich Programme selbst an die jeweiligen Erfordernisse anpassen, wenn sie geladen werden? Ich glaube nicht, dass es wirklich zu spät für so etwas ist. Ich glaube nicht, dass alle guten Ideen der Programmierung bereits entdeckt worden sind.
Ich hoffe natürlich, dass "literate programming" in diesem Projekt irgendwie verwendet wird – irgendeine Form von kombinierter informeller und formeller Beschreibung dessen, was das Programm tun soll, statt es einfach nur zusammenzuhacken, sodass der Computer weiß, was er tun soll.
Eine letzte Frage: Sie haben noch immer keine E-Mail-Adresse und Sie werden sich auch keine mehr zulegen?
Knuth: Ich habe eine – für die Meldung von Fehlern in meinen Büchern. Das ist sehr wichtig für mich, diese Rückkopplung zu haben. Heute Abend werde ich tatsächlich einen Mann treffen, mit dem ich über Fehlermeldungen korrespondiert habe. Er lebt in der Nähe von Frankfurt und ist nun extra nach Zürich gekommen, um meinen Vortrag zu hören. Wenn der alle Schecks einlösen würde, die er für diese aufgespürten Fehler bekommen hat, wäre er ein reicher Mann. Diese Art der Korrespondenz ist sehr wichtig für mich.
Manche Leute missbrauchen diese Adresse aber auch für andere Zwecke. Meine Sekretärin löscht das Meiste davon. Vor zwei Wochen bekam ich eine E-Mail, in der stand: "Ich bin Student in Korea. Mein Dozent möchte, dass ich recherchiere, was Ihre erste Publikation war. Es ist 'The Art of Computer Programming', richtig?"
Wenn ich auf diese Mail geantwortet hätte, hätte ich zuallererst nach dem Namen seines Dozenten gefragt und dem gesagt, dass er komplett versagt hat.
Aber ein Projekt wie Linux wäre ohne Internet und E-Mail nicht zustande gekommen?
Knuth: Nun, ich sage nicht, dass alle E-Mail aufgeben sollten. Ich habe mich entschieden, E-Mail aufzugeben. Die Rolle mancher Menschen ist es, an der Spitze der Dinge zu stehen. Meine Rolle ist es, an der Basis zu stehen. Mein Talent, langfristig zu denken, erfordert es einfach, einen ganzen Tag über etwas nachdenken zu können, ohne dass das Telefon klingelt oder ich von sonst etwas abgelenkt werde.
Tatsächlich schicke ich auch E-Mails – über meine Sekretärin, wenn ich beispielsweise jemanden um einen Gefallen bitte. Aber wenn ich E-Mail hätte, ich würde morgens zur Arbeit kommen und um 12 wäre ich dann mal soweit, dass ich mir überlegen könnte, was mache ich denn heute.
Interview: Wolfgang Stieler
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