Frischer Wind in Fernost
16.04.10 – Peter Fairley
Errichtung eines Offshore-Windrads des chinesischen Herstellers Sinovel. Bildquelle: Sinovel
China hat sich zum größten Windenergiemarkt der Welt gemausert. Nun schiebt das Land den Aufbau von Offshore-Windparks an. Experten halten eine Gesamtleistung von 100 bis 200 Gigawatt für möglich.
Auch wenn es um Cleantech-Projekte geht, ist in China gewöhnlich klotzen statt kleckern angesagt. Wenig verwunderlich daher, dass das Reich der Mitte auch die Offshore-Windenergie im großen Maßstab anschieben will: Noch in diesem Monat wird ein 102-Megawatt-Windpark im Yantze-Delta nahe Shanghai den vollen Betrieb aufnehmen. Drei weitere Windparks mit einer Gesamtleistung von 1000 Megawatt sollen in Kürze ausgeschrieben werden. Bis 2020 könnte China 100 Milliarden Dollar in die Offshore-Windkraft investiert und eine Gesamtleistung von 30.000 Megawatt installiert haben, schätzt die Energieberatung Azure International in Peking. Das entspräche dann der Leistung aller Windräder, die derzeit in China an Land laufen. Schon jetzt hat sich das Land zum größten Windenergiemarkt der Welt gemausert.
Die Voraussetzungen für Offshore-Windkraft sind in China allerdings nicht ganz so günstig wie im nördlichen Europa. Der Grund: Die Windgeschwindigkeiten sind im Schnitt niedriger, weil die Luftmassen auf der asiatischen Landmasse abgebremst werden. In der Nordsee bläst der Wind zum Teil ungehindert vom Atlantik her. Da 40 Prozent der Bevölkerung – über 500 Millionen Menschen – entlang der Küste leben, setzt China bislang auf den Ausbau des Stromnetzes, um Energie aus Kohle, Wasser- und Windkraft aus dem Inland dorthin zu leiten.
Die Entwicklung der Offshore-Windkraft würde nicht nur den Leitungsweg verkürzen, sondern auch neue Möglichkeiten für lokale Investitionen eröffnen. „Die Wirtschaft in China ist immer noch lokal protektionistisch“, sagt Sebastian Meyer, Forschungsdirektor von Azure International. „Die Provinzregierungen wollen vor allem die Küstenregion stärken und dort Jobs schaffen.“
Ähnlich ist die Situation an der Ostküste der USA: Die Bundesstaaten bevorzugen dort ebenfalls den Aufbau eigener Offshore-Windparks, anstatt sich über ein neues Superstromnetz Windstrom aus dem Westen liefern zu lassen. Der Unterschied: In China kommt die Offshore-Energie schneller in Gang. Während der neue Windpark im Yangtze, ausgerüstet vom Turbinenhersteller Sinovel, jetzt an den Start geht, wartet Cape Wind, ein Energieentwickler, immer noch auf die Bundesgenehmigung für seine 130 Windräder vor Cape Cod. Dabei hatten lokale Behörden und der Bundesstaat Massachusetts schon 2008 ihr OK gegeben. Und während US-Innenminister Ken Salazar hier eine zügige Entscheidung lediglich verspricht, hat Chinas Energie- und Ozeanbehörde die nötige Regulierung bereits im Januar auf den Weg gebracht.
Li Junfeng, stellvertretende Direktorin des Energieforschungsinstituts in Peking, wies kürzlich in einem Vortrag darauf hin, dass allein in den Wattgebieten entlang der Küste 100 bis 200 Gigawatt Windenergie installiert werden könnten. In der Provinz Jiangsu, nördlich von Shanghai, hat die chinesische Regierung im vergangenen Jahr ein Gebiet für küstennahe Windparks mit einem Gesamtpotenzial von acht bis zehn Gigawatt ausgewiesen.
Die ersten Pilotanlagen sind bereits im Bau: Die Longyuan-Gruppe errichtet eine 30-Megawatt-Anlage, das China Three Gorges Project, das auch den Drei-Schluchten-Staudamm betreibt, eine 6-Megawatt-Anlage. Im Februar gab die Pekinger Firma Shenhua Guohua Energy Investment, ein Tochterunternehmen des größten chinesischen Kohlekonzerns, bekannt, zwei Offshore-Projekte in Jiangsu zu erwägen. Beide sollen eine Leistung von 300 Megawatt haben und 3,6-Megawatt-Windräder des Herstellers Shanghai Electric Wind nutzen.
In den schlammigen Wattgebieten vor Chinas Küste eignen sich aber die Gründungen und Bauschiffe, die auch in der Nordsee auf offener See eingesetzt werden, nicht. Shenhua Guohua entwickelt deshalb neue Stahlpfeiler für seine Windparks in Jiangsu. Statt eines einzigen Pfeilers, wie in der Nordsee verbreitet, sollen fünf – jeweils 56 Meter lang – in den Meeresboden gerammt werden.
Windparks auf offener See seien in Südchina wegen der häufig auftretenden Taifune riskanter, sagt Junfeng. Ein solcher Wirbelsturm hatte 2003 sechs japanische Windräder bei Okinawa schwer beschädigt. Böen mit Windgeschwindigkeiten von 90 Metern in der Sekunde verbeulten Gondeln, lockerten Gründungspfeiler im Meeresboden und zerbrachen mehrere Rotorblätter.
Dies ist umso gravierender, als es sich bei den Windrädern um kleinere Modelle handelte als die, die in den chinesischen Projekten geplant sind. Dort sollen 5-Megawatt-Anlagen, unter anderem von Sinovel und Goldwind hergestellt, errichtet werden.
Chinesische Windradbauer sind allerdings bekannt für Qualitätsmängel. Ein Report der China Greentech Initiative kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis: „Sowohl reale als auch vermutete Qualitätsprobleme bei chinesischen Herstellern wirken sich negativ auf die Leistungsfähigkeit von Windparks und auf Exportmöglichkeiten aus.“
In Europa wurden diese Probleme zuletzt offensichtlich, als ein chinesischer Hersteller fehlerhafte Gründungspfeiler nach Großbritannien lieferte. Die waren für den 500-Megawatt-Offshorepark Greater Gabbard vorgesehen. Laut dem britischen Energieversorger Scottish and Southern Energy hatte sich durch Mängel in den 65 Meter langen und 650 Tonnen schweren Stahlpfeiler das Projekt verzögert.
