Asimo (Bild: AZAdam, cc-by-sa 2.0)
TR: Herr Professor Ishiguro, der Brite David Levy geht davon aus, dass bereits Mitte des Jahrhunderts Liebe und Sex mit Robotern nicht nur möglich, sondern auch sehr populär sein werden. Halten Sie das für Science Fiction?
Hiroshi Ishiguro: Ehrlich gesagt halte ich das sogar für sehr wahrscheinlich. Nehmen Sie einmal das Internet. Wir nutzen es zu vielen Zwecken, jedoch sind 70 Prozent Sex oder Dingen gewidmet, die sexy sind. Wenn es erst einmal überall Roboter gibt, werden Menschen sie auch für diese Zwecke verwenden. Aber wir sollten diese Entwicklung nicht fördern. Wir sollten überlegen, wie wir Roboter für andere, kreativere Aufgaben nutzen können.
TR: Glauben Sie, dass es bis 2050 dauern wird, bis die Menschen Sex mit Robotern haben? Oder wird das sogar noch früher geschehen?
Ishiguro: Es passiert doch schon heute. Ich weiss nicht viel darüber, aber in der Sexindustrie gibt es schon jetzt roboterähnliche Instrumente. Bereits vor einigen Jahren habe ich ein interessantes Gerät gesehen: Es ließ sich an einen USB-Port des Computers anschließen. Wenn der Kunde eine bestimmte Internetseite ansteuerte, erschienen hübsche Frauen und das Gerät synchronisierte seine Bewegung mit denen der Frau.
Das ist noch eine sehr einfache Technologie. Aber sobald eine Massenproduktion von Robotern entsteht, werden die Kosten für die einzelnen Bauteile sinken. Und die Menschen werden aus diesen Teilen höher entwickelte Sexspielzeuge entwickeln.
TR: Dies betrifft ja nur die technische Seite von Sex. Aber werden Menschen für die Maschinen auch Gefühle wie Liebe entwickeln können?
Ishiguro: Ja, ich bin mir sicher. Allerdings ist die Definition dieses Gefühls schwierig. Wenn wir eine weite Definition nehmen, dann lieben wir als Kinder auch Stofftiere und Puppen. Das passiert manchmal auch noch bei Erwachsenen. Einige Menschen sind verrückt nach Puppen oder besonders in Japan nach Zeichentrickfilmfiguren. Sie fühlen eine Art Liebe.
Ich denke, Robotertechnologien werden dieses Gefühl noch verstärken. Anime-Charaktere würden dann zum Leben erweckt. Daher wäre es wohl einfach, Liebe für diese Art von Robotern zu empfinden.
TR: Mit ihrem Roboterzwilling "Geminoid" studieren Sie, was es braucht, damit wir einen humanoiden Automaten akzeptieren. Wie hoch sind nach Ihrer Erfahrung die Minimalanforderungen, damit Menschen Gefühle gegenüber den Maschinen empfinden können?
Ishiguro: Das hängt von der Situation und der Definition von Liebe ab. Grundsätzlich sind die Minimalanforderungen sehr gering. Eine menschenähnliche Gestalt dürfte genug sein. Wenn der Roboter zudem noch menschenähnliche Bewegungen und Reaktionen aufweist, hilft das zusätzlich.
TR: Aber werden die Menschen nicht vor diesen Robotern zurückschrecken? Nehmen wir einmal die am Markt recht erfolgreiche Robotertier "Paro". Dessen Entwickler Shibata hat ja mit Bedacht ein Seehundebaby als Vorlage gewählt, weil die Menschen das Tier zwar kennen, aber nicht wirklich wissen, wie es sich im Alltag verhält. Seine These lautet, dass die Menschen es daher eher als einen akzeptieren. Denn bei einem Roboterhund würden sie automatisch ein bekanntes, tierähnliches Verhalten erwarten und die Maschine ablehnen, falls sie das nicht liefert.
Ishiguro: Das ist eine wirkliche Herausforderung. Wir nennen es in meinem Labor das "unheimliche Tal". Dabei geht es um ein Gleichgewicht zwischen Form und Verhalten. Wenn ein Roboter sehr menschlich aussieht, erwarten wir menschenähnliche Bewegungen und Verhaltensweisen. Erfüllt er die Erwartungen nicht, finden wir ihn unheimlich. Weil wir eine Robbe nicht wirklich kennen, hat Paro auch Erfolg - zum Beispiel bei Senioren in Altenheimen. Wir erwarten nichts Spezielles von Paro und akzeptieren ihn daher leichter.
TR: Kann man diese gelernte Lektion für die Entwicklung von humanoiden Robotern nutzen?
Ishiguro: Ich denke nicht. Wenn wir einem Roboter eine menschliche Gestalt geben, sollte er sich auch menschenähnlich bewegen. Es wäre uns sehr unheimlich, wenn er sich nicht menschlich bewegt. Aber wir können das Design ändern. Falls wir menschliches Verhalten nicht gut nachahmen können, müsste der Roboter eben mechanischer, abstrakter aussehen.
Permalink: http://heise.de/-274942