Gesünder durch Vernetzung
30.09.11 – Emily Singer
Sensoren gegen krumme Rücken, soziale Netzwerke für anonyme Alkoholiker, Online-Dienste für das familäre Wohlbefinden: Technology Review stellt einige Neuheiten der Health 2.0-Konferenz in San Francisco vor.
Lumoback, ein Heftpflaster-artiger Sensor, könnte demnächst besorgte Mütter ersetzen, die seit Generationen ihren Nachwuchs zum Geradesitzen ermahnen. Der Sensor wird im unteren Rückenbereich angebracht und misst die Körperhaltung. Ist der Rücken zu krumm, sendet Lumoback Vibrationen aus. Die Messdaten werden außerdem an eine Smartphone-App übertragen, die jedwede schlechte Rückenhaltung speichert. Die App bietet außerdem Informationen, wie man seine Haltung verbessert. Vor kurzem wurde sie auf der Body Computing Conference in Kalifornien als beste Gesundheits-App ausgezeichnet.
Castlight bietet für den Gesundheitsmarkt, was in vielen anderen Branchen längst gang und gäbe ist: einen Online-Preisvergleich. Tatsächlich variieren die Kosten für Standard-Diagnosetests und andere medizinische Prozeduren in den USA erheblich: So kann der Preis etwa für eine Untersuchung des Cholesterinspiegels in ein und derselben Stadt zwischen 11 und 150 Dollar liegen. Da in vielen Industrieländern immer mehr Gesundheitskosten auf die Bürger abgewälzt werden, dürften diese die neue Transparenz zu schätzen wissen. Castlight wurde 2008 von Giovanni Colella und Todd Park gegründet. Park ist inzwischen Chief Innovation Officer des US- Gesundheitsministeriums. Der Online-Dienst vergleicht außerdem die Behandlungsqualität von Krankenhäusern und Ärzten. Die Daten hierfür kommen sowohl von Behörden als auch von Nutzern.
OneRecovery versucht, das Selbsthilfesystem der Anonymen Alkoholiker auf ein soziales Netzwerk zu übertragen. Neu angemeldete Nutzer werden zunächst gebeten, ihre jeweiligen Gefühlslagen festzuhalten. Bei Risiko-Zuständen wie Frustration oder Wut, die zu einem Rückfall führen könnten, informiert das System die Mitglieder des persönlichen Netzwerks, unterstützende SMS an die gefährdete Person zu schreiben. Laut OneRecovery-Gründer David Metzler würden in solchen Situation im Durchschnitt fünf Nachrichten versandt. Der Dienst wird bereits von Krankenkassen und Gesundheitsdienstleistern angeboten. Im Oktober soll eine Smartphone-App folgen.
Bild: Technology Research for Independent Living
Für Senioren gibt es bereits verschiedene Sensortechnologien, die Stürze in der eigenen Wohnung erfassen und Hilfe anfordern können. Denn immer wieder führen Stürze bei alten Menschen zu problematischen Oberschenkelhalsbrüchen. Care Innovations, eine von Intel und General Electric gestartete Firma, will noch einen Schritt vorher ansetzen: mit Hilfe von Sensoren vorauszuberechnen, welche Situationen zu Stürzen führen könnten.
Der Prototype des qTUG genannten Geräts (im Bild unterhalb der Knie befestigt) enthält zwei Sensoren: einen Beschleunigungsmesser und ein Gyroskop. Sie funken ihre Messdaten an einen Tablet-Rechner, in dem sie von einer speziellen Software verarbeitet werden. Zu Beginn müssen Personen, die qTUG tragen wollen, bei einem Arzt einen absolvieren, um das System zu trainieren. Zu den Übungen gehören das Aufstehen von einem Stuhl sowie ein Gang von drei Metern mit anschließender Kehrtwende.
In einer Studie mit 600 Personen über fünf Jahre haben die Forscher von Care Innovation charakteristische Bewegungsmuster herausgefunden, die auf bevorstehende Stürze hindeuten. Geplant ist, das System auch bei ärztlichen Routine-Untersuchungen einzusetzen. Ärtze könnten dann anhand der Ergebnisse ihren Patienten passende Fitnessübungen verordnen oder auch Hirntests veranlassen, um zu sehen, ob neurologisch bedingte Gleichgewichtsstörungen vorliegen.
Der Gesundheitsmanager von Dossia, vor einigen Tagen gestartet, vereint verschiedene Gesundheitsdaten in einem Online-Portal. Die können aus Krankenakten stammen, aber auch aus Fitness-Geräten wie Fitbit oder NikePlus, die messen, wie aktiv eine Person ist.
Dossia-Nutzer haben Zugang zu einer Auswahl von Gesundheitsapps. Blue Book vergleicht beispielsweise die Preise für verschiedene Untersuchungen. Eine andere App wertet Untersuchungsergebnisse aus der Krankenakte aus, um allgemeine Diagnosen vorzunehmen. Familien können auf Dossia außerdem Netzwerke bilden, in denen sie das Wohlbefinden ihrer Angehörigen gegenseitig verfolgen können. Eine an Facebook angelehnte Nachrichtensammlung informiert Nutzer darüber, wenn Untersuchungsergebnisse vorliegen oder Verwandte bestimmte Tests machen.
Die Firma Zeo hat ein Schlafüberwachungssystem entwickelt, das die verschiedenen Schlafphasen aufzeichnet. In Kürze soll nun eine mobile Version herauskommen. Wie bei der Standardversion trägt der Nutzer im Schlaf ein mit Sensoren bestücktes Stirnband, das die Daten jedoch mittels Bluetooth an eine Smartphone-App überträgt. Anhand der Aufzeichnungen können Nutzer beispielsweise überprüfen, ob sie an Schlafstörungen leiden.
