23.07.08
Leben | Medizin

"Homöopathika sind Placebos"

Von Gregor Honsel

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TR: Wie waren bisher die Reaktionen auf Ihr Buch?

Ernst: Die Kreise der Evidenz basierten Medizin haben das Buch sehr positiv aufgefasst, manchmal sogar so positiv, dass ich leicht erröte. Dann gibt es Reaktionen der komplementärmedizinischen Szene, die reicht von enttäuscht über aggressiv bis beleidigend. Dabei finde ich unser Buch eigentlich nicht aggressiv, sondern nüchtern und sachlich. Und um bei den beleidigenden anzufangen: da sind Anwürfe, dass ich mich mit falschen Titeln schmücken würde, dass ich von der englischen Ärztekammer mehrmals gefeuert worden sei, dass wir auf der Gehaltsliste von Big Pharma stünden, dass wir die Daten falsch reproduzieren und so weiter. Das ging so weit, dass wir gesagt haben: Wenn jemand belegen kann, dass Homöopathika wirksam sind, dann geben wir, die beiden Autoren, aus unserer eigenen Kasse 10.000 Pfund.

TR: Hat sich darauf schon jemand gemeldet?

Ernst: Da gab es dann nur Hohngelächter – das sei ein Gimmick zur Promotion unseres Buches, und außerdem könne man die schulmedizinische Wissenschaft gar nicht auf Homöopathie anwenden. Homöopathen lieben immer dann kontrollierte, randomisierte Studien, wenn sie positiv ausgehen. Wenn sie negativ ausgehen, was meist der Fall ist, dann behaupten sie, dieses Studiendesign trete die Homöopathie mit Füßen.

TR: Woher rührt diese Aggression?

Ernst: Wahrscheinlich kommt sie daher, dass die Homöopathen sich in die Enge getrieben fühlen. Sie können schlecht sagen, dass ich die Homöopathie nicht gründlich genug erforscht habe. Sie können nicht sagen, dass ich die Homöopathie nicht verstehe, weil ich sie als Kliniker selbst angewendet habe. Sie können nicht sagen, dass ich korrupt bin, weil sie mich eigentlich kennen und auch in der Vergangenheit gepriesen haben als unabhängigen Wissenschaftler.

TR: Gibt es hier überhaupt einen Konsens, klinische Studien als Maßstab zu akzeptieren?

Ernst: Man kann natürlich sagen, klinische Studien seien nicht das Maß der Dinge. Genauso kann man sagen, der Mond ist eigentlich aus Käse. Die klinische Studie hat natürlich ihre Schwächen, aber die sind klar erkannt und man arbeitet daran, sie zu überwinden. So lange es nichts Besseres gibt, ist es eben die beste Methode, die wir zur Verfügung haben. Zudem schauen wir uns ja keine einzelne klinische Studie an, sondern die Gesamtheit der Studien zu einem Thema. Das ist nun einmal die ganz einfache wissenschaftliche Logik, der sich eigentlich jeder anschließen kann, es sei denn, er betrachtet die Homöopathie nicht als Heilkunde, sondern als Religion. Und da beißt es sich eben fest. Es gibt Leute, die sich nur minimal von religiösen Fanatikern unterscheiden.

TR: Trotz ihres Heilanspruches sind alternative Heilverfahren viel weniger reguliert als konventionelle. Müssen alternative Heilverfahren ähnlich strikt reguliert werden?

Ernst: Auch hier tut sich der Wissenschaftler schwer, Empfehlungen abzugeben. Aber ich plädiere dafür, dass man ehrlich ist und die Datenlage den Leuten so sagt, wie sie ist. Dann würden Homöopathika sowieso vom Markt verschwinden, weil sie keiner mehr kaufen würde.

TR: Was sind Ihre weiteren Pläne?

Ernst: Unsere wissenschaftliche Arbeit geht weiter, so lange wir Forschungsmittel haben. Das ist natürlich ein heißes Thema für uns, denn mit unserer kritischen Analyse haben wir uns natürlich schon viele Forschungsmittel verbaut, denn die Gelder kommen in den meisten Fällen von den Anhängern der Komplementärmedizin. Und es gibt wenige Anhänger der Komplementärmedizin, die einsehen, dass man als Wissenschaftler eigentlich nur kritische Analysen betreiben sollte, sodass die Forschungsmittel dann an Lehrstühle wie den in Berlin [Lehrstuhl für Komplementärmedizin an der Charité, Anm. d. Red.] gehen – da dürfen Sie lange warten, bis Sie eine wirklich kritische Analyse bekommen.

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