Wie die Browser-Welt vor der Einführung von Firefox galt der Markt für so genannte Produktivitätssoftware, sprich: Textverarbeitungen, Tabellenkalkulationen und Präsentationslösungen, jahrelang als festgefahren – beherrscht wurde er vor allem von Microsoft. Doch das scheint sich langsam zu ändern.
Einer der neuen Mitspieler ist ausgerechnet der IT-Konzern IBM. Der hat im September mit Lotus Symphony einen weiteren Konkurrenten für Microsofts Office veröffentlicht – und gesellt sich damit zu anderen möglichen Thronfolgern wie Google Docs (Internet-Anwendung), iWork (Apples Bürolösung) und der Open-Source-Lösung OpenOffice. Tatsächlich basiert Symphony, das kostenlos angeboten wird, sogar auf letzterer.
Einige Design-Innovationen enthält das Paket durchaus – bietet jedoch nicht alle der in Office enthaltenen Funktionen für Fortgeschrittene. Die Marke IBM und das Versprechen, das Paket künftig "aggressiv" weiter zu entwickeln, könnten Symphony aber auf Dauer durchaus breitenwirksam machen. Aktuell ist es für Windows und Linux, demnächst auch für Mac-Rechner, als Gratis-Download zu haben.
Eine Einstiegschance für den Newcomer bedingt schon Microsofts Produktpolitik: Ironischerweise könnten Nutzer, die nur ältere Office-Versionen kennen, die Verwendung von Symphony einfacher finden als den Wechsel auf das neue Office 2007, dem Microsoft einen radikalen Facelift verschaffte.
Symphonys Komponenten behalten hingegen den altbekannten Look bei, bieten die traditionellen Drop-Down-Menüs wie "Datei", "Bearbeiten" oder "Werkzeuge", plus einer einstellbaren Werkzeugleiste, über die man spezifische Datei-, Text- und Bildbearbeitungsfunktionen mit einem Klick erreichen kann.
Innovationen gibt es einige. Als erstes wäre da das Tab-Interface, das an die Reiterdarstellung von modernen Webbrowsern erinnert – jedes Tab repräsentiert ein anderes offenes Dokument. Tabs für Dateien aus Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und der PowerPoint-artigen Präsentationssoftware können nebeneinander sitzen, was den Wechsel zwischen den Programmen erleichtert – besonders dann, wenn man Daten unter ihnen austauscht.
Alle drei Symphony-Bestandteile besitzen außerdem eine "abnehmbare" Seitenleiste, die die verschiedenen Eigenschaften der Inhalte kontrolliert, die gerade aktiviert oder selektiert wurden – etwa Text-, Seiten- und Absatz-Formatierung bei Textdokumenten oder Zelleigenschaften bei Tabellen. Das kann praktisch sein, wenn man beispielsweise eine Diaschau zusammenstellt, in der Textblöcke häufig ihre Größe und ihre Gestalt verändern. Bei der Bearbeitung eines ganz normalen Textdokumentes lenkt es aber recht stark ab – zum Glück lässt sich die Funktion aber leicht ausblenden.
Der Textverarbeitungsteil von Symphony wirkt für jeden, der einmal Microsoft Word benutzt hat, sofort vertraut. Die Grundfunktionen sind nahezu gleich, Text lässt sich einfach ergänzen und verändern, Tabellen leicht automatisch oder von Hand einsetzen sowie Bilder schnell integrieren und in ihrer Größe verändern. Es lassen sich außerdem diverse Formate öffnen – auch solche, die aus Office XP stammen. Office 2007 und sein neues ".docx"-Format sind allerdings noch nicht dabei.
Einige neue Funktionen von Symphony sind in der heutigen Internet-Welt sicher praktisch; darunter die Möglichkeit, eine URL anzuklicken und die Seite dann im Programm selbst erscheinen zu lassen – als Tab. Der Sprung zum externen Browser ist nicht mehr notwendig. Allerdings versteht sich Symphony derzeit nur mit Lotus Notes als externem E-Mail-Programm gut. Funktionen zur einfachen Zusammenarbeit mehrerer Nutzer wie in Google Docs fehlen zudem.
Der aufgeräumte Look der Textverarbeitung Symphony Documents ist grundsätzlich von Vorteil – besonders für all jene, die von der Featurevielfalt von Microsoft Office regelmäßig "erschlagen" werden. Der gleiche Minimalismus in der Tabellenkalkulation (Symphony Spreadsheets) und der Präsentationslösung (Symphony Presentations) wirkt hingegen fast schon zu asketisch.
PowerPoint ist vor allem deshalb zum Industriestandard geworden, weil es selbst dem PC-unbegabtesten Manager noch erlaubt, recht professionelle aussehende Präsentationen in kurzer Zeit zu gestalten. Symphony kann das auch, doch die Werkzeuge sind etwas schwieriger zu bedienen und insgesamt eingeschränkter. Auch sieht das Endergebnis vielleicht nicht ganz so poliert aus. Problematisch ist besonders das Selektieren und Verändern von Text, außerdem gibt es vergleichsweise wenige Animationsmöglichkeiten.
Die Tabellenkalkulation wirkt anfangs ähnlich einfach. Obwohl sie nahezu alle Berechnungs- und Analysefunktionen aus Excel beherrscht, bietet das spartanische Interface nur wenig Hilfe für Einsteiger. Fortgeschrittene Excel-Nutzer dürften aber kein Problem haben, die Software zu verstehen und die spezielleren Funktionen auch zu nutzen. Für Neueinsteiger bleibt aber Excel die leichtere Wahl.
Ein paar Bugs und Fehler, die in Symphony noch stecken, könnten bald in neuen Testversionen beseitigt sein – IBM will alle sechs bis acht Wochen nachlegen. Es kommt noch zu Abstürzen, außerdem lädt die Software teilweise sehr lang. Der Speicherbedarf ist hoch – bei Texten etwa soviel wie bei Microsoft Word, einer Software, die nicht gerade für ihre Schlankheit bekannt ist. Das Interface fühlt sich deshalb ab und zu langsam und irgendwie abgehackt an.
Merkwürdig ist auch, dass ein amerikanischer Thesaurus fehlt – wenn die Finalversion 1.0 von Symphony erscheint, kann sich das IBM wohl kaum mehr leisten. Auch eine Grammatikprüfung zumindest für die US-Version wäre eigentlich zu erwarten gewesen – von der Fremdsprachenunterstützung ganz zu schweigen.
Nicht ganz so kritisch, wenn auch etwas störend, ist die fehlende Möglichkeit, das Microsoft Office-Format als Standardeinstellung für das Abspeichern von Dokumenten zu verwenden. In der Symphony-Übermutter OpenOffice geht das – IBM will aber wohl, dass die Nutzer sich an das offene Open Document Format (ODF) gewöhnen. Unter Realbedingungen nutzen jedoch die meisten Leute noch immer Microsoft-Formate – und genau da würde eine Standardeinstellung eben Zeit sparen.
Diese und andere Probleme sind bereits von der Symphony-Nutzergemeinschaft im Web dargelegt worden – und das ist eine feine Sache. IBM verspricht, die Community-Site bald mit einer Voting-Funktion auszustatten. Dann können die Nutzer darüber abstimmen, welche Probleme zuerst von IBM angegangen werden.
Eine andere interessante Funktion ist die Plug-in-Architektur von Symphony, die auf IBMs Open Source-Entwicklungsumgebung Eclipse basiert. Bislang existieren noch wenig solcher Zusatzprogramme, aber das Feature erlaubt es Dritten sehr leicht, Ergänzungen für das Büropaket zu schreiben. Bekannte Programme wie Firefox oder Wordpress haben durch eine solche Plug-in-Architektur enorm viel gewonnen.
IBM sagt, dass Hauptziel von Lotus Symphony sei, aus dem freien Format ODF einen echten Industriestandard zu machen – und damit die nahezu universelle Abhängigkeit von Microsofts proprietären Dateien zu beenden. IBM hat selbst an ODF mitgearbeitet.
"Wir treten hier mit unserem gesamten Gewicht auf", sagt Mike Rodin, General Manager der IBM-Tochter Lotus Software. IBMs Werbung für ODF beginne bereits, die Kundschaft williger zu stimmen, sich nach einer Microsoft-Alternative umzusehen.
Vielleicht ist das ja tatsächlich langsam so – doch die Firma hat noch einen langen Weg vor sich. Die freie Symphony-Suite wird anfangs wohl vor allem sparsamen Kleinfirmen und Einzelnutzern gefallen, anstatt Großunternehmen, die bereits viel Geld in ihre Microsoft-Ausstattung gesteckt haben. Die große Mehrheit der Normalbenutzer wird sich schließlich eher für eine einfache Benutzbarkeit und größtmögliche Kompatibilität interessieren, als die Frage, welche Formate eingesetzt werden.
Doch IBM hat bereits einen guten Start hinter sich. In der ersten Woche registrierten sich 100.000 Nutzer für Symphony. Sollte der Konzern die Software tatsächlich aktiv weiterentwickeln, Fehler beseitigen, neue Funktionen ergänzen und auf die Nutzerschaft hören, könnte das Paket tatsächlich zu einer gelungenen Office-Alternative werden.
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