Manchmal kann Überwachung sogar Leben retten. Zum Beispiel das von Jason Jones. Der New Yorker saß von Mai bis November vergangenen Jahres als Mordverdächtiger im Gefängnis. Jones beteuerte seine Unschuld, weil er zum Zeitpunkt des Verbrechens nicht am Tatort gewesen, sondern mit Bus und U-Bahn von der Nachtschicht nach Hause gefahren sei, doch niemand wollte ihm glauben. Sein Anwalt fischte die MetroCard aus der konfiszierten Brieftasche seines Mandanten und ließ sich von den New Yorker Verkehrsbetrieben die Vorratsdaten der Mordnacht ausdrucken. Erst dann akzeptierte auch das Gericht, dass Jones um zwei Uhr nachts in einer U-Bahn weit vom Tatort entfernt gesessen hatte. Schon bald könnte solche Detektivarbeit überflüssig werden. Nicht etwa, weil Nachrichtendienste oder Polizei sowieso seit Jahren alle Kommunikationswege anzapfen, sondern weil Unternehmen mit Unterstützung von renommierten Akademikern die Bewegungsmuster von Millionen Menschen in Echtzeit erfassen und auswerten.
Der entscheidende Unterschied zu anderen ortsbezogenen Anwendungen, etwa der standortabhängigen Suche nach einem Restaurant oder der nächsten Tankstelle, besteht darin, dass diese Bewegungsdaten passiv erhoben werden können, also ohne Mitwirkung des Zieles. Erfasst wird sozusagen das Hintergrundrauschen im Alltag des vernetzten Lebens: Logdaten von Mobilfunk-Basisstationen, an denen sich ein Handy an- oder abmeldet, wann immer es eine Funkzelle betritt oder verlässt, die Broadcast-Pakete, die Geräte mit WLAN-Fähigkeit aussenden, wenn sie versuchen, sich mit einer Basisstation zu verbinden, Bluetooth-Gerätekennungen, die GPS-Koordinaten eines Taxis, das einen Kunden aufnimmt oder absetzt, oder die Routenplanung von modernen Assisted-GPS-Geräten, die sich ständig aktuelle Informationen aus dem Netz laden.
Seit nunmehr drei Jahren fließen diese Daten nun durch die Rechner der New Yorker Firma Sense Networks, die aus einem Forschungsprojekt am Massachusetts Institute of Technology hervorgegangen ist: Der Informatiker Alex Pentland, Leiter des „Media Lab“ am MIT, hatte 2004 gemeinsam mit seinem Kollegen Nathan Eagle rund hundert Mobiltelefone von Freiwilligen mit einer speziellen Software ausgestattet, die Standorte, Gesprächsdaten und das Vorhandensein anderer Mobiltelefone oder Computer in der Nähe der Testperson aufzeichnete. Die Wissenschaftler werteten die in neun Monaten gesammelten Daten am Computer aus und waren begeistert: Das „Reality Mining“-Projekt bescherte ihnen erstmals verlässliche Daten über all die täglichen Routinen und Gewohnheiten, die Sozialwissenschaftler sonst nur äußerst lückenhaft und subjektiv gefärbt aus wenigen Fragebogen herausklauben müssen.
Mittlerweile ist Sense Networks der Vorreiter auf dem Gebiet der Bewegungsanalyse und hat aufgrund seiner Abkommen mit Netzwerkbetreibern, Geräteherstellern, Software-Anbietern, großen Datenmaklern und Taxifirmen in den vergangenen drei Jahren mehrere Milliarden Datensätze angehäuft – in erster Linie in den USA, aber ebenso in Lateinamerika und seit Kurzem in einer ungenannten Region Europas im Auftrag „eines großen europäischen Geräteherstellers“.
Wie aus Satellitenbildern, die jede Lichtquelle auf einem Kontinent aufzeichnen und aus denen man einen dynamischen Atlas erstellen könnte, lassen sich aus dieser Daten-Matrix die zeitlich veränderlichen Muster der Massenbewegung herauslesen. Ein einzelner Datensatz besteht aus drei oder vier Elementen: dem Längen- und Breitengrad, Datum und Zeit sowie in vielen Fällen einer anonymen Identifikationsnummer, die einem Nutzer anstelle der spezifischen Telefon- oder Seriennummer zugewiesen wird. Jeden Tag kommen so bis zu 100 Millionen neue Einträge hinzu,....
Neugierig geworden? Der vollständige Artikel erschien in der Print-Ausgabe 05/2009 von Technology Review und steht als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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