Seit Jahren schon spricht man in Indien vom so genannten "Brain Drain", bei dem die intelligentesten Schüler des Landes eine der schwersten Aufnahmeprüfungen der Welt bestehen, anschließend ihren Abschluss in Ingenieurwesen machen und dann in den Westen ziehen.
Jedes Jahr versuchen 250.000 junge Inder, einen der 3000 heiß begehrten Plätze an den sieben Ablegern des Indian Institute of Technology (IIT) in Mumbai, Delhi, Kharagpur, Kanpur, Chennai, Guwahati und Roorke zu bekommen. Doch 25 bis 30 Prozent ihrer Absolventen verschwinden direkt nach ihrem Abschluss ins Ausland. Viele andere machen nur noch kurz erste Arbeitserfahrungen, um dann ihren Master-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften oder Technologie ebenfalls außerhalb Indiens abzulegen. Viele besorgen sich gleich ein Visum, um in den USA arbeiten zu können.
Das Resultat: IIT-Absolventen findet man verstreut in der gesamten High-Tech-Welt, im Silicon Valley und in Firmen und Organisationen wie der NASA, Microsoft oder IBM. Darunter: Vinod Khosla, Top-Risikokapital-Manager bei Kleiner Perkins, Arun Netravali, früher Präsident der Lucent Bell Labs, Rajat Gupta, ehemals Managing Director bei McKinsey, Hururai Deshpande, Gründer von Sycamore Networs, Arun Sarin, CEO von Vodafone, Victor Menezes, Aufsichtsratschefvize der Citigroup oder Raghuram Rajan, Chef-Ökonom des Internationalen Währungsfonds. Kein Wunder, dass BusinessWeek die IIT-Absolventen neulich den "heißesten Exportartikel" nannte, den Indien jemals produziert hat.
Der Intelligenz-Export war allerdings nicht die Absicht der Väter der Unis. Als Indiens erster Premierminister Jawaharlai Nehru die IIT-Hochschulen einst gründete, wurden sie am Aufbau des MIT orientiert. Ihr Zweck: Sie sollten Indien in die Moderne führen. Stattdessen wandern die Studenten ins Ausland ab, wo es mehr Geld zu verdienen gibt.
Um den Exodus zu stoppen, gründete das IIT in Mumbai (früher Bombay) vor drei Jahren einen ersten IT-Inkubator an der Kanwai Rekhi School of Information Technology, kurz KReSIT. Der Inkubator versucht seitdem schrittweise, den IIT-Absolventen das Unternehmertum beizubringen -- die besten und schlauesten Absolventen sollen in Indien gehalten werden. Die Verbindung zum IIT soll sicherstellen, dass sich die Startups im Inkubator auf Gebiete mit hoher Wertschöpfung konzentrieren, also tatsächlich greifbare Produkte oder geistiges Eigentum wie Software produzieren. Das steht im starken Kontrast mit der Arbeit vieler anderer indischer Firmen, die sich auf Software-Dienstleistungen und das Outsourcing von Geschäftsprozessen spezialisiert haben.
Die Startups im KReSIT-Inkubator konzentrieren sich auf verschiedene technologische Felder, etwa Routing, Informationssicherheit, Robotertechnik, das Monitoring von Geschäftsprozessen, Automation beim Entwurf elektronischer Designs oder Systeme zur Entscheidungsfindung im Finanzbereich.
D.B. Phatak, der Professor am IIT in Mumbai, der KReSIT ins Leben rief, meint, der Inkubator sei Teil der allgemeinen Vision seines Instituts. "Fähige Leute verlassen Regionen, in den es wenige Chancen gibt. Deshalb müssen wir Möglichkeiten in Indien schaffen und junge wie ambitionierte Menschen fördern." Im KReSIT wird produktnahe Forschung betrieben. Der Inkubator kommerzialisiert diese Entwicklungen und soll interessante Herausforderungen schaffen, damit die IIT-Absolventen in der Heimat bleiben.
Der Unternehmergeist schlägt dank des Inkubators innerhalb des IIT langsam Wurzeln. Der Inkubator hält jeweils drei Prozent an seinen Firmen. Von 13 am KReSIT gestarteten Firmen sind vier bereits aus dem Inkubator ausgezogen. Drei davon haben bereits ihr erstes Risikokapital erhalten, eine kann sich bereits selbst am Leben erhalten.
Auch die Regierung unterstützt die Initiative. So zieht der Inkubator in ein eigenes Gebäude mit 900 Quadratmetern Platz um und hat bereits knapp eine Million Dollar Unterstützungsgelder eingesammelt. Die IITs in Delhi und Kanpur haben inzwischen ebenfalls Inkubatoren gegründet. Auch am IIT Madras in Chennai wird derzeit einer aufgebaut. Trotz der "Dot-Com"-Krise ist das Interesse groß - viele Studenten wollen einen Platz in den Inkubatoren ergattern.
Auch wenn es eigentlich noch zu früh für eine Bewertung ist, sehen die ersten Ergebnisse danach aus, dass die IIT-Absolventen künftig Unternehmensgründungen in Indien als echte Option sehen. Ein guter Beispielgeber ist Vishal Gupta. Der IT-Experte lehnte Vollstipendien von der Cornell University und der University of Southern California in den USA ab, um aus seiner Studienarbeit ein Startup namens Herald Logic zu machen, das am IIT in Mumbai sitzt. Die Firma entwickelt Software zur Überwachung entscheidender Parameter in einem Unternehmen. Wenn etwa die Ergebnisse eines Fondsmanagers unter denen des Marktes zurückbleiben, kann die Geschäftsleitung darüber informiert werden.
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