Foto: Manfrd Klimek
Zurücklehnen. Besonnen Bilanz ziehen, unbeirrt von eingefahrenen Denkschemen und unreflektierten Gefühlen. Dann planen: Welche Handlungsmöglichkeiten stehen offen? Wo drängt es am stärksten, wo ist am meisten zu erreichen? Wer eine Krise – sei sie persönlich, familiär oder unternehmerisch – so angeht, erntet gemeinhin Anerkennung.
Bjørn Lomborg hat es für die Menschheit versucht – und das ganze Spektrum an Reaktionen von Empörung bis zu emphatischer Zustimmung geerntet. "Die Menschheit muss lernen, rational ihre Prioritäten zu setzen", sagt Lomborg. Im Mai 2004 machte er den Anfang. Er versammelte eine achtköpfige Runde renommierter Ökonomen aus Europa, Asien und den USA, darunter drei Nobelpreisträger, zum "Kopenhagener Konsens" und gab ihnen eine Frage auf: "Wie könnten die Regierungen der Welt am besten den globalen Wohlstand fördern, insbesondere den Wohlstand in Entwicklungsländern, wenn ihnen zusätzliche 50 Milliarden Dollar zur Verfügung stünden?" Dazu sollten die Experten eine "Erledigungsliste für die Menschheit" (Lomborg) erstellen: Sie waren angehalten, die wichtigsten globalen Herausforderungen nach ihrer Dringlichkeit und ihrem Lösungspotenzial zu ordnen, und zwar mittels einer nüchternen Kosten-Nutzen-Analyse.
Das Ergebnis stellt die gängigen Vorstellungen vom Handlungsbedarf der Weltgemeinschaft auf den Kopf: Der Klimaschutz landet ganz unten auf der Liste, abgeschlagen hinter der Migrationsförderung für qualifizierte Arbeitskräfte, der Liberalisierung des Welthandels wie auch der Bekämpfung der Unterernährung von Kindern. Auf Platz eins: die Kontrolle der globalen Aids-Epidemie, in die das eminente Gremium gut die Hälfte der 50 Milliarden Dollar stecken würde. Kein Wunder, dass der Kopenhagener Konsens verbreitet auf Argwohn stieß, vor allem bei jenen, deren Anliegen auf den hinteren Plätzen rangiert. Als "puren Blödsinn" qualifizierte Tom Burke von der Umweltorganisation Friends of the Earth das Lomborg'sche Vorhaben. Dagegen lobte der "Economist" den "intellektuellen Unternehmergeist" Lomborgs – und damit auch seinen eigenen, denn das englische Wochenblatt hatte den Konsens gesponsert.
Lomborg selbst gibt sich unvermindert unternehmungslustig: Der Kopenhagener Konsens 2008 ist bereits in Vorbereitung, kündigt er an, "die verbesserte Fortsetzung" der Veranstaltung von 2004. Bjørn Lomborg in der Rolle des globalen Konsensstifters, das war von Anfang an eine gewagte Besetzung. Vor fünf Jahren bereits hatte er Umweltaktivisten weltweit mit seinem Bestseller "The Skeptical Environmentalist" gegen sich aufgebracht. Die Lage der Menschheit habe sich "in fast jeder Hinsicht verbessert und wird sich in Zukunft wahrscheinlich weiter verbessern", diese These war ein Affront gegen den von jeher in den Köpfen verwurzelten Niedergangsglauben und damit gegen die Geschäftsgrundlage der Umweltorganisationen.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 01/2006 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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