Mit dem Abschuss eines alten Satelliten hat die chinesische Regierung die Aufmerksamkeit auf einen Punkt gelenkt, der gern übersehen wird: Um potenzielle Feinde zu blenden, muss man künftig hoch hinaus. Die friedliche Nutzung des Weltalls wird begleitet von einem neuen Wettrüsten im Weltall.
Der ranghöchste US-General erschien beinahe gerührt: „Ich denke, sie haben mich besser behandelt als jeden anderen US-Offizier zuvor“, sagte Peter Pace in einem Interview nach seiner Rückkehr von einem China-Besuch Ende März. In seiner Funktion als Vorsitzender der Vereinigten Generalstäbe der US-Streitkräfte war Pace vier Tage lang Gast der chinesischen Volksarmee gewesen. Er durfte in ein Kampfflugzeug steigen, in einem nagelneuen Panzer fahren, das Büro eines chinesischen Generals besichtigen und sogar einen Blick auf Militärkarten werfen. „Sie waren sehr offen“, schwärmte Pace anschließend.
Doch der Anlass seiner Reise erinnert eher an die Hochzeiten des Kalten Krieges als an einen Informationsaustausch unter werdenden Freunden. Ausgangspunkt: Der Raumfahrtbahnhof Xichang im Süden Chinas, 65 Kilometer nördlich der gleichnamigen Stadt. Das weiträumige Gelände liegt zwischen lieblichen grünen Hügeln und wird vom Militär verwaltet. Xichang, fertiggestellt 1984, ist unter anderem Startplatz für zivile und kommerzielle chinesische, manchmal auch für ausländische Satelliten. Lange Zeit vollkommen abgeschottet, dürfen seit Neuestem hin und wieder auch Ausländer einen Teil der Anlagen besichtigen – nach langer Voranmeldung, von Weitem und streng bewacht. Und auch nur dann, wenn das Militär nicht gerade Wichtiges zu tun hat. Wie etwa in der Nacht vom 11. auf den 12. Januar 2007, als von Xichang aus eine Mittelstreckenrakete ins All gefeuert wurde. In 865 Kilometern Höhe zertrümmerte dieses Geschoss brachial den ausgedienten Wettersatelliten Feng Yun 1C.
Bei dieser Aktion handelte es sich nicht nur um Chinas ersten erfolgreichen Abschuss eines Satelliten im All, es war auch der erste Test einer sogenannten Anti-Satelliten-Waffe (ASAT) seit mehr als zwanzig Jahren – und das erste Mal in der Raumfahrtgeschichte überhaupt, dass ein im Erdorbit kreisender Satellit vom Boden aus abgeschossen wurde. Zwölf Tage vergingen, bis das chinesische Außenministerium zu diesem Test Stellung nahm. Dann folgten dürre Worte: Man wisse nichts von dem Test. Grundsätzlich aber sei China für eine „friedliche Nutzung des Weltraums“ und sei „gegen seine Bewaffnung und jede Form von Wettrüsten“, teilte ein Sprecher mit.
Knapp einen Monat zuvor hatte Robert G. Joseph, Staatssekretär der US-Regierung für Waffenkontrolle und internationale Sicherheit, auf Einladung des konservativen Think Tanks George C. Marshall Institute einen von Militärs in aller Welt viel beachteten Vortrag gehalten. Darin erläuterte er zunächst detailliert die neue Weltraumdoktrin der Bush-Regierung. Eine kleine Sensation: Hochrangige US-Regierungsvertreter hatten bis dahin über die umstrittene Doktrin, deren nicht geheime Variante im Oktober 2006 im Internet veröffentlicht worden war, kein Wort verloren. Am Ende seiner Rede wurde Joseph deutlich: „Wir behalten uns das Recht vor, uns gegen feindliche Angriffe und Störungen unserer Weltraumanlagen zu verteidigen. Wir werden folglich denen entgegentreten, die ihre militärischen Kapazitäten nutzen wollen, uns den Zugang und die Nutzung des Alls zu erschweren oder zu verweigern.“
Joseph hatte kein Land namentlich erwähnt. Doch er dürfte vor allem China gemeint haben. Denn das ist die Macht, um die sich die USA in puncto Weltraumwaffen seit einiger Zeit die meisten Sorgen machen. Joseph hatte sogar einen konkreten Anlass für deutliche Worte: Schon im Frühherbst 2006 hatte China versucht, Laserstrahlen auf amerikanische Spionagesatelliten zu richten. Das National Reconnaissance Office (NRO), das die US-Spionagesatelliten betreibt, bestätigte den Vorfall Ende September, wollte aber keine Details verraten. „Es gab keinen materiellen Schaden, aber die Sache gibt uns zu denken“, sagte NRO-Chef Donald Kerr. Anlass zum Grübeln bot dann auch Josephs Vortrag in Washington: Unter westeuropäischen Beobachtern löste er vorsichtiges Kopfschütteln aus, in Russland offene Empörung. China schwieg.
Doch möglicherweise hielt die Volksrepublik den Zeitpunkt für gekommen, seine Sternenkrieger-Fähigkeiten zu demonstrieren. Einzelheiten über den chinesischen ASAT-Test sind bis heute kaum bekannt. Die Waffe, mit der der 1999 gestartete Feng Yun 1C zerstört wurde, war vermutlich eine umgebaute und mit einem kinetischen „kill vehicle“, einem massiven Projektil, versehene Mittelstreckenrakete. Abgeschossen wurde der Satellit, als er sich auf einem Bahnpunkt über dem Raumfahrtzentrum Xichang befand. Trotzdem ist es gut möglich, dass die USA etwas von dem ASAT-Test ahnten. Bereits vor knapp zwei Jahren hieß es im jährlichen Pentagon-Bericht über Chinas militärische Kapazitäten, das Land arbeite intensiv an ASAT-Lasertechnik wie auch an der Möglichkeit, Satelliten mit ballistischen Raketen abzuschießen.
Geheimnisvolle Tests im All
Der Beweis dafür Anfang Januar erinnerte in seiner Brachialität an ASAT-Tests der USA und der Sowjetunion Ende der 1960er-Jahre – die beiden Länder waren bislang die einzigen, die über Anti-Satelliten-Waffen verfügten. Anders als China zerstörten die USA und die Sowjetunion jedoch Satelliten nicht direkt vom Boden aus. Im Rahmen ihres „Air-Launched Miniature Vehicle“-Programmes – einem der ausgereifteren ASAT-Programme – testeten die USA in den 1980er-Jahren den Abschuss von Satelliten durch Raketen, die von einem F-15-Kampfflugzeug aus abgefeuert wurden. Beim einzigen ALMV-Test gegen ein Objekt in einer Erdumlaufbahn wurde am 13. September 1985 der Forschungssatellit Solwind P78-1 erfolgreich abgeschossen. Die Sowjetunion hingegen setzte bei ihrer jahrzehntelangen und noch heute geheimnisumwitterten ASAT-Forschung auf die Zerstörung durch Killersatelliten, die mit Trägerraketen in die Nähe ihres Zielobjekts gebracht wurden und dann Sprengsätze zündeten. Mindestens ein Test, vorgenommen im November 1968, verlief dabei erfolgreich.
Offiziell brachen sowohl die USA als auch Russland die Entwicklung von ASAT-Technik Mitte der achtziger Jahre ab. Doch beide Länder arbeiteten auch noch nach diesem Zeitpunkt weiterhin an Anti-Satelliten-Waffen, vor allem an Laserwaffen. So testete das US-Militär beispielsweise vor zehn Jahren die MIRACL-Anti-Satelliten-Laserwaffe. Ob und über welche ASAT-Kapazitäten Russland derzeit verfügt, ist unbekannt. Im April 1991, kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wurde jedenfalls das Killersatelliten-Netz IS-MU in Betrieb genommen. Dieses – oder Teile davon – betreibt Russland möglicherweise immer noch.
Tests mit Satelliten-Killern werden seit jeher erschwert durch das Problem des Weltraummülls. Der ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten rasant angewachsen und stellt eine immer größere Gefahr für Satelliten und Raumfahrzeuge dar, vor allem bis in eine Höhe von 1000 Kilometern. Davon zeugen die immer häufigeren Ausweichmanöver von Satelliten, US-Raumfähren und der Raumstation ISS, aber auch Kollisionen: Erst im September 2006 hatte ein Stück Schrott unbekannter Herkunft die Raumfähre Atlantis getroffen und ein 2,5 Millimeter großes Loch im Bereich der Nutzlastbucht geschlagen. Derzeit befinden sich in Erdumlaufbahnen etwa 600000 Trümmerteile, die größer sind als ein Zentimeter, darunter 10000 Teile von mehr als zehn Zentimetern Größe. Und der chinesische ASAT-Test zeigt, wie viel der Abschuss eines einzigen Satelliten ausmacht: Das Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando der US-Armee (NORAD) zählte 917 Trümmerstücke, die NASA, die auch kleinere Stücke überwacht, registrierte etwa 35000 Teile. Der NASA-Chefwissenschaftler für Weltraummüll, Nicholas Johnson, sprach nach dem Test von der „bisher schlimmsten Satelliten-Explosion“, was die Anzahl größerer Trümmerteile und ihre Langlebigkeit in erdnahen Umlaufbahnen angehe.
Die Machtdemonstration steht zudem klar im Widerspruch zur erklärten chinesischen Außen- und Sicherheitspolitik: China tritt offiziell für eine friedliche Nutzung des Weltraums ein und fordert weitreichende internationale Verträge für ein Verbot von Waffen im All, einschließlich des Verbots der gegenseitigen Störung von Weltraumanlagen. Andererseits macht das chinesische Militär kein Geheimnis daraus, dass es den Besitz von ASAT-Technologie anstrebt und dass es eine solche Technologie vor allem gegen US-amerikanische Weltraumanlagen einsetzen könnte.
Mit dem Test vom 11. Januar könnte der Punkt erreicht worden sein, an dem ein neues offenes Wettrüsten im All beginnt. Ohnehin ist die schleichende Militarisierung des Weltraums seit langem im Gange – und in der Logik der Militärs auch unvermeidbar. Denn nicht nur die Großwaffenarsenale der Supermächte, sondern selbst viele einfache Militäroperationen sind inzwischen abhängig von weltraumgestützter Technik. Die Unterscheidung, was Weltraumwaffen sind und was nicht, fällt deshalb zunehmend schwerer.
Deutlich zeigt sich die Aufrüstung im Weltraum bei einigen Komponenten des geplanten Raketenabwehrsystems (Ballistic Missile Defense System, BMDS) der USA. Bei den Komponenten Ground Based Midcourse Interceptor (landgestützt) und Aegis Ballistic Missile Defense (seegestützt) gegen feindliche Mittel- und Langstreckenraketen dient ein Netz spezieller Satelliten als Tracking-Einheit für anfliegende Raketen und, kombiniert mit einem Bodenradar, als Leitsystem für Abfangraketen. Getestet wurde die Raketenabwehr bisher nur in Höhen um 200 Kilometer über der Erdoberfläche, einem Bereich, in dem sich Satelliten und Raumfahrzeuge nicht aufhalten. Möglicherweise jedoch, befürchten Kritiker wie das Washingtoner Center for Defense Information, ließen sich das System oder bestimmte Systemelemente der Raketenabwehr auch zu Anti-Satelliten-Waffen umfunktionieren.
Offiziell nur als Schutz gegen „Schurkenstaaten“ wie Nordkorea und Iran gedacht, dient das US-amerikanische Raketenabwehrsystem jedoch nicht nur China, sondern auch Russland als Argument, selbst aufzurüsten. Russland hat seit der Jahrtausendwende seine Raketenabwehrsysteme stark modernisiert, Dutzende Militärsatelliten ins All gebracht, Satellitenkommunikations-Störsysteme ähnlich dem Counter Satellite Communications System der US-Armee in Betrieb genommen und mehrere Typen von Mittel- und Langstreckenraketen zu Hyperschall-Lenkwaffen umgebaut, die in allen Flugphasen manövrierfähig sind. Wie China propagiert auch Russland ein Verbot von Weltraumwaffen. Die russische Führung hat jedoch in den vergangenen Jahren wiederholt erklärt, dass sie einer einseitigen Militarisierung des Alls durch die USA nicht tatenlos zusehen werde.
Ob die neueste Charme-Offensive der US-Regierung und des US-Militärs an die Adresse Russlands und Chinas an der schleichenden Militarisierung des Weltraums etwas ändert, scheint eher fraglich. Russland hat auf das US-Angebot, bei der Raketenabwehr zusammenzuarbeiten, bisher nicht reagiert. Und als General Pace bei seinem China-Besuch vorschlug, ein rotes Telefon in Washington und Peking einzurichten und versöhnlich betonte, dass zwischen beiden Mächten keine Bedrohungssituationen existierten, da reagierten die Chinesen, wie sie es meistens tun, wenn sie nicht einverstanden sind: Sie lächelten freundlich – und schwiegen.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 05/2007 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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