Das erste Sicherheitsforschungsprogramm in Deutschland läuft dieses Jahr aus. Trotz eines holprigen Starts zeigt sich Ministerin Annette Schavan zufrieden. Sie sagt sogar die Verlängerung zu.
Annette Schavan (55, CDU) ist Bundesministerin für Bildung und Forschung. Direkt nach ihrem Amtsantritt 2005 begann sie, das Forschungsprogramm für zivile Sicherheit vorzubereiten. 2007 startete das Programm.
Technology Review: Frau Schavan, vor vier Jahren haben Sie das Programm "Forschung für zivile Sicherheit" gestartet. Fühlen Sie sich inzwischen sicherer?
Annette Schavan: Ja, denn wir tun seitens der Forschung jetzt viel, um angesichts der Verletzlichkeit der zentralen Lebensnerven unserer modernen Gesellschaft vorzusorgen. In der globalen Welt gilt: kleine Ursache, große Wirkung. Wenn ein Hochspannungskabel an der Ems wie im Jahr 2006 durchtrennt wird, führt das zu einem Stromausfall in halb Europa.
TR: Können Sie diese Bemühungen konkretisieren?
Schavan: Wir fördern derzeit 77 Verbundprojekte. In die investieren sowohl die öffentliche Hand als auch Unternehmen, zusammengenommen sind es 230 Millionen Euro. Und wir reden dabei nicht nur über Technologien...
TR: ...sondern auch über Wirtschaftsförderung. Warum ist die gerade einer Forschungsministerin so wichtig?
Schavan: Forschung ist für mich Teil moderner Wirtschaftspolitik. Dazu gehören auch Allianzen zwischen Wissenschaft und Unternehmen, Allianzen, die darauf abzielen, Leitmärkte zu entwickeln.
TR: Im Segment Sicherheitsforschung heißt dieser Leitmarkt "Homeland Security" und wird von den USA dominiert, gefolgt von China, Japan und Indien. Wo liegt hier Deutschland?
Schavan: Laut einer aktuellen EU-Studie hat der Weltmarkt für zivile Sicherheitstechnologie eine Größe von 100 Milliarden Euro. Der deutsche Markt wird auf gut 20 Milliarden Euro beziffert, die Wertschöpfung deutscher Unternehmen daran beträgt knapp 14 Milliarden Euro.
TR: Warum kam das Programm so spät? Der Markt existiert doch bereits seit den Anschlägen am 11. September 2001 in den USA?
Schavan: Bis 2005 ist in Deutschland viel darüber diskutiert worden, ob wirklich zivile Sicherheitsforschung ohne militärische Forschung möglich ist. Vorher hatte sich das Forschungsministerium wenig mit Sicherheitsforschung beschäftigt. Diese war vornehmlich im Verteidigungsministerium angesiedelt und rein auf im Militär einzusetzende Technologien ausgerichtet. Es gab daher auch ideologische Bedenken. Daher habe ich unmittelbar nach dem Amtsantritt Ende 2005 ein Programm vorbereitet, dass die Forschung konsequent auf gesellschaftliche Akzeptanz ausrichtet.
TR: Ist das deutsche Forschungsprogramm angesichts der Milliarden US-Dollar, mit denen die USA ihre Sicherheitsindustrie unterstützt, nicht ein Tropfen auf den heißen Stein?
Schavan: Das Programm läuft jetzt drei Jahre. Eine erste Bilanz wird es vermutlich erst nach fünf Jahren geben können. Aber wir erkennen schon jetzt, dass es erstens in Deutschland eine ganze Reihe von sehr gut aufgestellten Unternehmen gibt; dass zweitens die Bereitschaft der Unternehmen groß ist, in Forschung zu investieren. Von den genannten 230 Millionen Euro kommt rund ein Viertel von Unternehmen. Das ist für den Start ein gutes Verhältnis. Und drittens wissen wir, dass es schon heute um einen Markt geht mit Wachstumsprognosen, die nach Schätzungen der OECD zwischen 5 und 7 Prozent liegen.
TR: Sehen Sie auch Schwächen in dem Programm?
Schavan: Ich weiß, dass es beim Erarbeiten der Programme viele heftige Debatten darüber gegeben hat, wann wer hinzugezogen wird, zum Beispiel Sozialwissenschaftler. Da hat es am Anfang ziemlich gerappelt im Karton. Doch das Sicherheitsforschungsprogramm gelingt nur in dem Zusammenspiel von sehr unterschiedlichen Akteuren. Wenn Sie eine Boje im Tsunamigebiet haben, die Signale setzt, und die Vertreter der dortigen Kultur sagen: "Dass eine Welle kommt, glaube ich erst, wenn ich sie sehe", dann merken Sie, dass Sie mit der besten technologischen Entwicklung an Grenzen stoßen. Es hat eine Weile gedauert, bis allen deutlich geworden ist: Jeder gewinnt, wenn er sich auf den Dialog und auf kritische Fragen einlässt. Dann wird am Ende auch die Lösung intelligenter.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 08/2010 von Technology Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.
Permalink: http://heise.de/-1071828