Mords-Maschinen
25.04.12 – Peter W. Singer, Günther Stauch, Christian Buck
Unbemannte Flugzeuge erobern das Schlachtfeld und verändern radikal
das Kriegshandwerk. Welche Fähigkeiten werden die intelligenten Kampfmaschinen haben, und was bedeuten sie für die internationale Politik?
Nur wenige Autominuten trennten das Wohnzimmer von Colonel Gary Fabricius von den Schlachtfeldern im Irak. Morgens setzte sich der US-Soldat in seinen Wagen, fuhr zum nahe gelegenen Stützpunkt in Nevada und begann seine Schicht im „Krieg gegen den Terror“. Abends war pünktlich Feierabend und danach Zeit für die Familie – denn Fabricius kommandierte eine Staffel von „Predator“-Drohnen. Kein einziges Mal musste der Colonel seine sichere Militärbasis im Westen der USA verlassen, um seine Gegner im Irak anzugreifen. „Du bist zwölf Stunden lang im Krieg, feuerst Waffen auf Ziele ab, leitest die Tötung feindlicher Kämpfer ein – danach steigst du in dein Auto, fährst nach Hause, und nach 20 Minuten sitzt du am Esszimmertisch und sprichst mit deinen Kindern über ihre Hausaufgaben“, berichtet Fabricius von der „Front“.
Noch vor wenigen Jahren wäre diese Art der Kriegsführung per Joystick undenkbar gewesen – inzwischen sind ferngesteuerte Kampf- und Aufklärungsroboter aber dabei, die Schlachtfelder der Welt zu erobern: Als das US-Militär 2003 im Irak einmarschierte, verfügte es nur über eine Handvoll unbemannter und unbewaffneter Aufklärungsflugzeuge, am Boden hatte die Truppe überhaupt keine unbemannten mobilen Geräte. Heute gibt es in den Beständen der USA mehr als 7500 fliegende Drohnen wie den Predator („Raubtier“) und weitere rund 12000 unbemannte Fahrzeuge am Boden – etwa den „Packbot“, ein Produkt der Firma iRobot, die auch den Staubsaugerroboter „Roomba“ und den Bodenwischroboter „Scooba“ herstellt.
Nicht nur die Zahl der Drohnen ist in nur neun Jahren geradezu explodiert, auch technisch haben sich die ferngesteuerten Roboter in dieser Zeit dramatisch weiterentwickelt. Vor dem 11. September 2001 war der MQ-1 Predator kaum mehr als ein fliegendes Fernglas mit Fernsteuerung – sehr zum Ärger der US-Militärs: Sie konnten Osama bin Laden zwar in seinen Trainingscamps beobachten, hatten aber keine Möglichkeit, ihn anzugreifen. Das änderte sich nach den Anschlägen von New York und Washington: Das neun Meter lange Flugzeug wurde mit lasergesteuerten Hellfire-Raketen ausgestattet und erwies sich als derart nützlich, dass der Kommandeur der US-Streitkräfte im Mittleren Osten es als sein „wertvollstes Waffensystem“ bezeichnete.
Auch auf dem Boden wurden Roboter zuerst nur für Beobachtungszwecke eingesetzt, sind inzwischen aber mit allen möglichen Waffen ausgestattet. Der Talon beispielsweise ist ein Roboter von der Größe eines Rasenmähers, mit dem sich Bomben am Straßenrand entschärfen ließen. Nachdem die Militärs seinen Greifarm durch einen Waffenträger ersetzt hatten, war SWORDS geboren (Special Weapons Observation Reconnaissance Detection System): SWORDS kann mit jeder Waffe ausgestattet werden, die weniger als 140 Kilogramm wiegt – vom M16-Karabiner über ein Maschinengewehr bis hin zu einem 40-Millimeter-Granatwerfer oder einer Abschussvorrichtung für Anti-Panzer-Raketen.
Diese Entwicklung zeigt: Drohnen sind auf dem besten Wege, im wahrsten Sinne des Wortes zu Killer-Applikationen zu werden – eine neue Technologie, die nicht nur tödlich ist, sondern auch die Spielregeln des Kriegshandwerks komplett verändert. Wie tiefgreifend diese Umwälzung sein wird, lässt sich kaum abschätzen, denn nach Meinung vieler Experten stehen wir mit den unbemannten Systemen heute erst dort, wo wir zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit den Automobilen angelangt waren. Kein Wunder, dass Wissenschaftler eine Parallele zur Atombombe ziehen: Nach ihrer Meinung entwickeln wir gerade eine Technologie, die bisher nur ins Reich der Science-Fiction gehörte – die aber so mächtig ist, dass wir ihre Erfindung eines Tages noch bereuen könnten.
Zum Beispiel dürfte die Schwelle für den Einsatz von Gewalt sinken, weil sich Regierungen und Militärs dank ihrer Roboterkrieger weniger Gedanken über die Risiken militärischer Operationen machen müssen. So haben die USA mehr als 300 Drohnen-Angriffe gegen Terrorverdächtige in Pakistan geflogen – etwa sechsmal so viele wie zu Beginn des Kosovo-Krieges mit bemannten Kampfflugzeugen. Im Gegensatz zu damals gab es in der Regierung keine Diskussion über diese Entscheidungen, und die Medien berichteten kaum über die Einsätze. Der Grund: In politischen Diskussionen werden solche Operationen als „kostenlos“ betrachtet. Das zeigt auch die ironische Reaktion der US-Militärs auf den „Tod“ ihres allerersten Roboters während des Irak-Krieges – der Kommandeur der Einheit schickte ein „Kondolenzschreiben“ an dessen Hersteller. Darin entschuldigte er sich für den Verlust des Roboters, bedankte sich aber gleichzeitig dafür, „dass er keinen Brief an seine Mutter“ schreiben musste.
„In den Krieg ziehen“: Das meinte bisher, sich an einen sehr gefährlichen Ort zu begeben und seine Familie möglicherweise nie wiederzusehen. Durch den Einsatz von Drohnen ist der Preis für kriegerische Aggression inzwischen deutlich gesunken. Wenn Historiker eines Tages auf unsere Epoche zurückblicken, könnten sie darum zu dem Schluss kommen, dass heute die größte Revolution der Kriegsführung seit der Erfindung der Atombombe stattfindet. Ihre Auswirkungen könnten sogar noch größer sein, denn die neuen unbemannten Systeme ändern nicht nur das Wie der Kriegführung – sie verändern vor allem das Wer auf ganz fundamentale Weise.
Jede vorangegangene Revolution brachte Waffen hervor, die weiter (wie der Langbogen) oder schneller (wie das Maschinengewehr) schießen konnten …
