Bild: Fraunhofer ISC
Wieder reicht Michael Popall Prospekte und seine Visitenkarte über den Tresen des Fraunhofer-Standes auf der Leitmesse für kleinste Teilchen Nanotech 2006 in Tokio. Zwischen zwei Interessenten für deutsche Spitzentechnologie rattert der Chef des Geschäftsfelds Mikrosysteme und mobile Energieversorgung des Fraunhofer-Instituts für Silikatforschung heraus: "Für mich ist die Nanotech die wichtigste Messe". Während normalerweise auf Nano-Messen die Forschung dominiert, wimmelt es auf der japanischen Messe nur so von Unternehmen. Alles Popalls potenzielle Kunden. Die nächste Visitenkarte, bitte.
Mit 265 japanischen und 120 ausländischen Unternehmen, Organisationen und Instituten aus 17 Ländern ist die Nanotech die größte Messe und Konferenzveranstaltung für Forschung und Produkte im Nanometer-Bereich. Nirgendwo sonst lassen sich die neuesten Anwendungen, Trends, künftige Möglichkeiten und Visionen besser studieren als in der Heimstatt der größten Konsumelektronikhersteller der Welt. Und die Nanotechnologie ist nach Jahren des Hypes endlich dabei, den Sprung aus den Laboren in Produkte zu schaffen. "Wir können immer mehr Produkte und Anwendungen von Nano-Materialen auf der Messe sehen", sagt Fumiyuki Nihey, Principal Researcher für Nanotechnologie des Elektronikherstellers NEC.
Einige sind Spielereien und in Asien schon am Markt: Seifen oder Waschmaschinen mit Nano-Silber zum Beispiel, die besondere antibakterielle Eigenschaften haben sollen. Oder mit Nano-Kohlenstoffröhren verstärkte Tennis- und Golfschläger. Die nanotechnisch aufgerüsteten, exorbitant teuren Golfschläger sind besonders beliebt bei Japans Senioren, berichtet ein seriöser Forschungsvorstand eines japanischen Großkonzerns. "Sie sind bereit, viel Geld dafür auszugeben, um den Ball zehn Meter weiter zu schlagen und sich 20 Jahre jünger zu fühlen." Doch Popall versichert, dass sehr viele Nano-Materialien bereits in ernsthaften Produkten genutzt werden. "Viele Firmen reden nicht darüber, sondern werben mit mehr Funktionen und verbesserten Eigenschaften ihrer Produkte." Auch ihm haben seine Kooperationspartner den Mund verboten.
Auf diesem Marktplatz sind die Chancen für Nano-Technik aus Europa, und gerade aus Deutschland, groß. Nicht von ungefähr treten die deutschen Firmen und Forschungsinstitute, darunter Namen wie Bayer und BASF, gemeinsam auf und haben damit einen der größten Messestände überhaupt. Der Besuch des deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier am Dienstag verleiht der deutschen Präsenz noch zusätzliches Gewicht.
Ein marktreifes Produkt aus Europa stellt der Schweizer Start-up Lycée Tec aus: ein handliches optisches Mikroskop, mit dem man erstmals kontaktlos in Echtzeit Bewegungen dreidimensional auf der Nano-Ebene visualisieren kann. Die Beobachtung der Reaktionen auf atomarer Ebene ist eine der wichtigsten Bedingungen für die Entwicklung der Nanotechnologie. "Japan wird einer unserer größten Märkte", ist Verkaufschef Claude Jordis fest überzeugt. In den kommenden zwei Jahren will er den Marktanteil Japans am Firmenumsatz von null auf 25 Prozent erhöhen.
Das Fraunhofer-ISC trumpft derweil mit seinem inorganisch-organischen Hybrid-Polymer Ormocer auf. Aus dem widerstandsfähigen Stoff lassen sich kleine Linsen für Kameras oder die Mikroelektronik fertigen, die anders als die heute in Handys gebräuchlichen Kunststofflinsen nicht schon bei 120 Grad schmelzen. Auch in der optischen Kommunikation und damit optische Computer können die Ormocere zum Einsatz kommen. Denn sie lassen sich auch zu Lichtleitungen anordnen, die Photonen mit geringen Verlusten um 90-Grad-Kurven lenken können. Stark sind auch die Japaner mit fertigen oder beinahe marktreifen Anwendungen vertreten. NEC wirbt besonders für Kohlenstoffröhren und -hörnchen. So wird inzwischen stromleitender Kunststoff hergestellt. Transportverpackungen für Silizium-Wafer können daraus hergestellt werden. Durch die Leitfähigkeit der Hülle sinkt die Gefahr statischer Aufladung der Chip-Rohstoffe.
Doch dem Großteil der ausgestellten Anwendungen steht die Produktwerdung noch bevor. NECs intelligentes Bio-Plastik, das bei Erwärmung oder Abkühlung eine vorher festgelegte Form einnimmt, ist schon recht nah an der Marktreife. In der Biomedizin könnten bereits ab 2008 erste Produkte eingeführt werden, behauptet ein NEC-Forscher. Ein erster Krebsbekämpfer aus Nano-Kohlenstoffröhren wird wohl erst 2010 einsatzbereit sein.
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