Forscherin Sally Tinkle vom National Institute of Environmental Health Sciences in North Carolina meint denn auch, man befände sich derzeit in einer Situation, bei der sich die Leute Stoffe auf die Haut schmierten, "bei denen wir wirklich nur wenig über ihre Sicherheit wissen".
Laut dem "Project on Emerging Nanotechnologies", das vom Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington angeschoben wurde, sind in den USA inzwischen 400 Produkte mit Nanoinhalten (beziehungsweise mit entsprechenden Werbeaussagen) auf dem Markt. 64 davon sind Kosmetika. Noch fühlt sich niemand in der US-Regierung dafür verantwortlich, ihre Sicherheit zu überprüfen. "Die Forscher machen die Partikel immer kleiner und bringen sie auf Nanogröße", erklärt Andrew Maynard, der das Woodrow-Wilson-Projekt wissenschaftlich betreut. Dabei würden die Firmen aber nicht in jedem Fall die entsprechenden Risiken abklären.
Die einzigartigen Eigenschaften der Nanopartikel ist genau der Grund dafür, warum sie eingesetzt werden. Bringt man Partikel bestimmter Materialien auf extrem geringe Größen, ergeben sich ganz neue Anwendungsmöglichkeiten und physikalische wie chemische Eigenschaften. Gold-Nanopartikel sind beispielsweise rot und wesentlich reaktionsfreudiger als größere Teilchen des Edelmetalls. Ähnlich sieht es bei Kosmetikabestandteilen aus – hier sind die Nanopartikel-Versionen bekannter Zutaten dann beispielsweise stabiler, bieten eine bessere Textur oder lassen sich leichter aufnehmen.
Titandioxid und Zinkoxid, die seit Jahrzehnten in Sonnenschutzmitteln verwendet werden, sind zwei Substanzen, die von Nanotechnologie profitieren. Normalerweise bilden sie eine dicke, weiße Schicht. In Nanogröße sind sie hingegen durchsichtig und dadurch natürlich populärer beim Kunden. Einige Kosmetikfirmen nutzen auch andere Nanopartikel wie Kohlenstoff-Fullerene. Das Londoner Unternehmen Zelens glaubt beispielsweise, dass Fullerene in Hautcremes freie Radikale "aufsaugen" und den Alterungsprozess verlangsamen können.
Dumm nur, dass trotz dieser Vorteile auch bislang unkalkulierbare Risiken bestehen. Durchdringen kleinere Partikel die Haut "bis auf die Knochen"? Können sie die Atemwege beeinträchtigen oder eine Immunreaktion hervorrufen? Begeben sie sich tief ins Körpergewebe hinein, inklusive Gehirn?
Die kurze Antwort auf all diese Fragen: Das weiß man noch nicht so genau. Die US-Gesundheitsbehörde FDA und die Umweltschutzbehörde EPA haben zwar inzwischen entsprechende Forschungsprojekte aufgelegt, doch erste Ergebnisse werden ihre Zeit brauchen. Auch wird die Feststellung eventueller Toxizitäten und negativer Umweltauswirkungen viel Geld kosten. Die USA haben eine 6,5 Milliarden Dollar schwere "nationale Nanoinitiative" aufgelegt, bei der die Technologie landesweit vorangetrieben werden soll. Allerdings flossen nur vier Prozent des Budgets 2006 in die Untersuchung potenzieller Risiken. In der Zwischenzeit können FDA und EPA eigentlich nur sagen, dass es "bislang keine Beweise" dafür gäbe, das aktuell eingesetzte Nanomaterialien große Sicherheitsrisiken darstellten.
Hinzu kommt, dass Kosmetika im Gegensatz zu Medikamenten in den USA keine langwierigen Sicherheitstestreihen durchlaufen müssen, bevor sie verkauft werden dürfen. Tritt dann später ein Problem auf, dürfen die Hersteller nachträglich ran.
John Bailey aus der Chefetage der US-Kosmetika- und Parfüm-Lobbygruppe CTFA weist darauf hin, dass Sonnenschutzmittel mit Titandioxid- und Zinkoxid-Nanopartikeln "seit über einem Jahrzehnt" sicher und effizient bei Kunden zum Einsatz kämen. Man habe sie von der FDA überprüfen und zertifizieren lassen. Kann man diese positiven Erfahrungen aber auch auf andere Kosmetika-Typen übertragen? Wohl kaum. Die Gefahr: Gewöhnliche Tests wie bei normalen Kosmetikprodukten sind unter Umständen nicht in der Lage, Nanogefahren tatsächlich abzuschätzen.
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