Niemand weiß es – außer den fünf Kollegen meines damaligen Labors und mir: Um Tuberkulosebakterien zu fressen, brauchen die Makrophagen aus der Bauchhöhle von Mäusen das Protein group V sPLA2 nicht. Es könnte gut sein, dass inzwischen weitere Forscher die gleiche Entdeckung machen mussten – uns hatte sie immerhin acht Monate harter Arbeit gekostet. Doch an eine Veröffentlichung unseres sogenannten Nullresultats in einer Fachzeitschrift war nicht zu denken. Dafür sorgen die ungeschriebenen Gesetze des Wissenschaftsbetriebes: „Fachzeitschriften wollen im Großen und Ganzen negative Studien nicht veröffentlichen. Sie überzeugen Autoren von dieser Priorität, indem sie ein ums andere Mal Manuskripte zurückweisen, die auf negative Ergebnisse fokussieren. Oft geben sie das Manuskript noch nicht einmal in den Peer Review“, sagt Scott Kern, Molekularbiologe an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.
Die Verantwortlichen bestreiten das nicht. Sehr selten würden Nullresultate in „Nature“ veröffentlicht, gibt Karl Ziemelis zu, der leitende Physik-Redakteur des Journals. „Ich würde vermuten, dass eingereichte Manuskripte, die keinen Effekt einer Behandlung zeigen, von unserem Peer-Review-System im Allgemeinen für nicht interessant befunden werden“, sagt auch Katrina Kelner, Redakteurin für den Bereich Biowissenschaften bei „Science“.
Sollte sich das ändern? Bei Pharmastudien ist offensichtlich, dass auch erfolglose Experimente in die Fachöffentlichkeit gehören: Stellt sich heraus, dass ein Präparat nicht die erwartete Wirkung zeigt, ist das für Ärzte eine wichtige Information. Und tatsächlich haben einige der renommiertesten Medizinfachzeitschriften eine neue Regelung eingeführt, die mehr Transparenz in den Evaluationsvorgang von Medikamenten bringen soll. Seit Sommer 2005 veröffentlichen unter anderem das „New England Journal of Medicine“ (NEJM), „Lancet“ und „JAMA“ nur noch klinische Studien, die vor Beginn der Testphase am Menschen in einem öffentlich zugänglichen Register eingeschrieben wurden. Im Eintrag müssen eine Reihe von Informationen offengelegt werden, unter anderem die Studienhypothese und wer die Finanzierung übernimmt. Damit ist zwar nicht gewährleistet, dass auch die komplette Studie irgendwann veröffentlicht wird, aber zumindest lassen sich aus einer ausbleibenden Veröffentlichung später die richtigen Schlüsse ziehen.
Weniger eindeutig ist die Lage in anderen Forschungszweigen. Tatsächlich führt das Verschweigen von Nullresultaten zur Verschwendung von Geld, Zeit und Arbeitskraft. „Wir glauben, dass diese Ergebnisse auf alle Fälle veröffentlicht werden sollten“, sagt der Ökologe Johan Kotze von der Universität Helsinki, „und zwar aus dem einfachen Grund, dass Projekte – die oft teuer und zeitintensiv sind – häufig doppelt untersucht werden und die gleichen negativen Ergebnisse herauskommen.“ Dem aber stehen ureigenste Interessen der beteiligten Wissenschaftler entgegen.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 03/2007 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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