Foto: Dagmar Schwelle
Der dämmrige Raum wirkt wie ein Mausoleum für Lebende. Mittendrin steht eine gut mannshohe, röhrenförmige Apparatur, aus der ein gleichförmiges, stampfendes Geräusch dringt. Wer den Raum betreten will, muss wegen des gewaltigen Magnetfeldes alle metallischen Gegenstände ablegen, vom Schlüsselbund bis zum Piercing. Und wer in der Röhre aufgebahrt liegt, braucht Ohrenschützer wegen des Höllenlärms, und er darf sich keinen Millimeter bewegen. Oft stundenlang. Die Killertechnologie der Hirnforschung ist nichts für Klaustrophobe.
Hinter einer Glasscheibe stehen drei Computerbildschirme. Hier schaut Henrik Walter, Neuropsychiater am Universitätsklinikum Ulm, menschlichen Gehirnen beim Denken zu. "Wenn jemand vor zehn Jahren vorhergesagt hätte, was wir heute mit den Methoden machen, hätte man ihn für verrückt erklärt," sagt er. Zusammen mit Produktakzeptanz-Forschern von DaimlerChrysler machte Walter eine Entdeckung, wegen der sich neuerdings sogar US-Medien für ihn interessieren: die Wirkung von Sportautos auf das männliche Gehirn.
Unter dem Magnetresonanztomographen wurden zwölf Männern Fotos von Autos verschiedener Kategorien gezeigt -– Kleinwagen, Limousinen und Sportautos. Das Ergebnis: Beim Anblick der Sportwagen leuchteten auf dem Bildschirm mehrere so genannte Belohnungssysteme im Gehirn signifikant stärker auf als bei den billigeren Modellen. In diesen Hirnregionen wird verstärkt Dopamin ausgeschüttet, ein Neurotransmitter, den Hirnforscher mit Gefühlen wie Belohnung oder Motivation in Verbindung bringen. Dass diese Belohnungssysteme auch auf Kokain, Geld oder den Anblick schöner Gesichter reagieren, war schon länger bekannt. Doch dass auch kulturelle Objekte wie Autos als "Verstärker" wirken, interessiert die Grundlagenforscher genauso wie die Autokonzerne.
Folgerichtig meldete DaimlerChrysler gleich mal ein Patent auf ein "Verfahren zur Optimierung und Erfassung von Produktattraktivität oder Produktakzeptanz" an. Damit könne die "mit der Gehirnaktivität korrelierende empfundene Akzeptanz oder Attraktivität objektiv ermittelt werden". "Neuromarketing" heißt der neue Trend, dem Kunden ins Gehirn zu gucken. Mit funktioneller Magnetresonanztomographie versuchen amerikanische Neurowissenschaftler etwa zu ergründen, warum die meisten Leute Coca-Cola trinken, obwohl ihnen Pepsi besser schmeckt. Andere verkaufen Hollywood- Studios bereits Methoden, mit denen sich angeblich die unbewusste Wirkung von Filmtrailern testen lässt. Und erst kürzlich untersuchten amerikanische Politberater sogar die Wirkung von Wahlwerbespots unter dem Hirnscanner. In den USA brachte es der Neuroboom bereits ins Fernsehen und auf Titelseiten. Und seit die ersten Forscher auch hierzulande einschlägige Patente anmelden, Unternehmen gründen oder Probanden im Dienste von Großkonzernen unter den Scanner legen, zeigt sogar die "Wirtschaftswoche" Hirn auf dem Titelblatt. Doch das Neuromarketing-Geschrei ist bloß der Ausläufer eines größeren Trends.
Der Hype ums Hirn ist nicht zu übersehen, und diesmal sind nicht nur die populären Medien dran schuld. Mit immer leistungsfähigeren Technologien fahnden die Forscher nach den "neuralen Korrelaten", also Hirnaktivitäten, die mit Verhalten und Persönlichkeit zusammenhängen. Unter den Scanner kommt längst alles, was dem Menschen heilig ist: Kaufverhalten, Sex, Liebe, Moral und sogar die Religion. Was vor einigen Jahren die Verhaltensgenetik war, das sind heute die bildgebenden Verfahren der modernen Neurowissenschaft. Damals brachte man immer neue Genvarianten mit Intelligenz, Ängstlichkeit oder sexuellen Neigungen in Verbindung.
Heute sind es Aktivierungsmuster in Hirnregionen wie dem orbitofrontalen Kortex oder der Amygdala. Die Kritiker der Humangenetik sahen das Zeitalter von Massenscreenings und Designerbabys kommen. Das Neuroimaging, die Bildgebung vom Gehirn, weckt ganz ähnliche Befürchtungen. Die bunten Bilder haben Macht. Schon geht das Gerücht um, Hirnforscher könnten Gedanken lesen und menschliches Verhalten vorhersagen, ja womöglich sogar manipulieren. In den USA steigen bereits Konsumentenschützer gegen das Neuromarketing auf die Barrikaden. Und auf ersten Neuroethik- Konferenzen beraten die Forscher über den verantwortungsvollen Umgang mit den Imaging-Technologien und über die gesellschaftlichen Konsequenzen ihrer Resultate.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 10/2004 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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