Örtliche Flaute
29.08.12 – Christoph Seidler
Unerschöpflich, klimaschonend, vergleichsweise preiswert – Windenergie hat viele Vorteile. Weltweit schreitet ihr Ausbau daher rasant voran. In Deutschland hat die Branche jedoch mit sechs großen Hindernissen zu kämpfen.
Gleich in seiner ersten Rede bei einem Kongress der Zeitung „Die Welt“ stimmte der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier das Loblied auf die riesigen Rotortürme an, nur wenige Stunden nachdem er am 22. Mai seine Ernennungsurkunde erhalten hatte. „Die Windenergie wird das Rückgrat der Energiewende bleiben, Offshore und Onshore zusammengenommen“, so Altmaier. Tatsächlich sind Windräder aktuell vor Photovoltaik, Biomasse und Wasserkraft der wichtigste Lieferant für erneuerbare Energie in Deutschland. Wasserkraft, die in der weltweiten Gesamtschau noch vor der Windkraft rangiert, spielt hierzulande nur eine kleine Rolle.
CO2-freie Stromerzeugung, sinkende Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, vergleichsweise niedrige Kosten – all das spricht dafür, den Windstrom zum „Lastpferd der Energiewende“ zu machen, wie der frisch ernannte Minister es ausdrückte. Die Öffentlichkeit scheint positiv eingestellt: Nach einer Studie der Stiftung Mercator und der Universität Stuttgart bevorzugen Deutschlands Bürger die Windenergie vor Solarthermie, Photovoltaik und Biomasse für die Energieerzeugung; die Atomkraft landet auf dem letzten Platz.
Warum geschieht der Ausbau dennoch schleppend? Bisher gibt es in Deutschland insgesamt rund 22660 Windkraftanlagen, die es zusammen auf 30 Gigawatt Leistung bringen (Stand Ende Juni 2012). Pro Jahr wächst die Windkraftleistung in Deutschland aber um gerade einmal zwei Gigawatt – höchstens. Nach den Boomjahren Anfang des Jahrtausends, als teilweise mehr als 2000 Anlagen pro Jahr hinzukamen, waren es 2011 noch 895, eine Verlangsamung, auch wenn die Leistung pro Anlage gestiegen ist und die Zahlen daher nur eingeschränkt vergleichbar sind.
Im Jahr 2011 war die Windkraft für 7,6 Prozent der heimischen Energieproduktion verantwortlich. Bei diesem Tempo ist das Ziel der Bundesregierung, dass die Mühlen im Jahr 2050 die Hälfte des deutschen Stroms liefern, nahezu unerreichbar. Nach den Plänen des Bundesumweltministeriums müssten dazu 45 Gigawatt onshore und 85 Gigawatt offshore installiert sein.
Theoretisch wären zwar sogar weit höhere Werte möglich, wie eine Analyse des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik in Kassel zeigt: Die Forscher haben sich das Potenzial angesehen, das allein für Windkraft an Land vorhanden ist, wo sie eine Nutzung von zwei Prozent der deutschen Fläche für realistisch halten. Daraus ergäbe sich eine rechnerische Gesamtleistung von 198 Gigawatt – 65 Prozent des deutschen Stromverbrauchs ließen sich so decken, legt man die Daten von 2010 zugrunde. Und dazu käme noch der Strom von den Windrädern auf hoher See. In der Praxis jedoch bremsen sechs große Hindernisse die Entwicklung:
Die Fokus-Artikel im Einzelnen:
- Trend: Die deutschen Windparks wachsen langsamer als geplant
- Innovationen: Die Mühlen werden größer, schneller und leistungsstärker
- Akzeptanz: Bürgerbeteiligung mindert den Widerstand gegen neue Anlagen
- Finanzierung: Investitionen in Windenergie sind lukrativ, aber risikoreich
- Kleinanlagen: Forscher testen Minirotoren fürs Hausdach
