Foto: Thomas Kern
Die Tage vor und nach den US-Präsidentschaftswahlen waren eine selten nervenaufreibende Zeit für Brewster Kahle, den geistigen Vater des Internet-Archivs. An diesem Morgen marschiert er von einem Zimmer im Hauptquartier seines virtuellen Archivs ins andere, telefoniert, gestikuliert und diskutiert in hastigen Stakkatosätzen mit seinen Mitarbeitern, wie man die Auslastung der Server von San Francisco bis Alexandria besser austarieren kann, damit Besucher seiner Archiv-Webseite weiterhin das neueste Anti-Bush-Video des Rappers Eminem ansehen können.
"Es ist wie verhext", schüttelt Kahle den Kopf. "Wenn man in der wirklichen Welt etwas verschenken will, muss man selten selbst drauflegen und kann die Ausgaben sogar noch von der Steuer absetzen. Nicht aber im Internet. Wenn ich da etwas gratis verteile, das alle wollen, kann ich schnell dabei bankrott gehen, weil die Zugangskosten ins Astronomische steigen."
Bandbreite, für die sich Internet-Anbieter teuer bezahlen lassen, ist nur eine von vielen Sorgen, die Kahles Internet-Archiv plagen. Der Informatiker mit MIT-Abschluss, der seit 1996 am grenzenlosen Online-Archiv werkelt, verfolgt utopisch hoch gesteckte Ziele, was die unbefristete und bedingungslose Speicherung von Texten, Bildern, Musik, Filmen und anderen multimedialen Kunstwerken angeht. "Universalen Zugang zu allem menschlichen Wissen schaffen" lautet seine Devise, die er weltweit auf Konferenzen verkündet.
Technisch ließe sich der Traum verwirklichen. Wirtschaftlich sei er auch machbar und nur eine Frage der Prioritäten, rechnet Kahle vor. Ob indes die politischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen stimmen, ist eine ungleich schwierigere Frage. Kahle jedenfalls glaubt an die Idee, alles Wissen im Netz zu archivieren und zugänglich zu machen. "Das sind wir unseren Kindern schuldig", ereifert sich der 44-Jährige. Anfangs musste er sein eigenes Geld in das Projekt steckten, heute verwaltet er ein Budget von fünf Millionen Dollar im Jahr, das sich vor allem aus großen US-Stiftungen und privaten Spenden speist.
Sein Internet-Archiv, in dem durchschnittlich 150000 Nutzer am Tag gratis stöbern, koordiniert Kahle von einer kleinen Pionierzeit-Villa aus, am Fuß der Golden-Gate-Brücke. Es bildet die Avantgarde einer verwirrenden Vielzahl von Online-Archiven, die sich oft noch nicht einmal darüber im Klaren sind, was gespeichert werden soll, wie die Inhalte am besten erfasst und aufbewahrt werden und wer anschließend Zugang bekommt. Kahles Stiftung etwa sammelt seit sieben Jahren Webseiten als Momentaufnahmen und macht sie seit 2001 als "The Wayback Machine" öffentlich zugänglich.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 01/2005 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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