Finanziell ist die Archivierung großer Teile des Internets im Internet durchaus machbar. "Nehmen wir nur den Bestand der Library of Congress: rund 26 Millionen Objekte", rechnet Brewster Kahle vor. "Der reine Text in einem Buch ergibt ungefähr ein Megabyte Daten, also geht es um 26 Terabyte. Das lässt sich auf Linux-Servern für rund 60000 Dollar zugänglich machen und der Welt zum Stöbern anbieten." Wollte man die Bücher scannen und grafisch aufbereiten, würde es zehn Dollar pro Band kosten. "Also beliefe sich die Rechnung auf 260 Millionen Dollar", sagt Kahle. "Das sind Peanuts."
Ähnliche Kalkulationen hat Kahle für Filme, Schallplatten und CDs angestellt, aufbauend auf Schätzungen des renommierten Computerwissenschaftlers Raj Redd von der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh. Redd schätzt, dass in der gesamten Menschheitsgeschichte seit den Zeiten der sumerischen Keilschrift rund 100 Millionen Bücher veröffentlicht wurden. Dazu kommen zwei bis drei Millionen Musikaufnahmen vom 78er Format über LPs bis zu CDs, rund 100000 Kinofilme sowie weitere zwei Millionen Filme, die zu Bildungs- oder Werbezwecken aufgenommen wurden. Selbst die jährliche Ausbeute aller in den USA ausgestrahlten Fernsehsendungen beläuft sich auf technisch handhabbare 3,6 Millionen Stunden, die nach Lymans Schätzung maximal 8200 Terabyte Speicherplatz benötigen.
Die große Hürde bei all den Daten ist das Urheberrecht. Kahles Internet-Archiv, das bereits 1971 gestartete Archiv für elektronische Bücher namens "Gutenberg-Projekt" und das von Carnegie Mellon aus der Taufe gehobene "Million Book Project" sind sehr wohl in der Lage, Bücher zu scannen oder alte Hollywood-Streifen zu digitalisieren und ins Netz zu stellen. Aber angesichts der von Land zu Land unterschiedlichen Copyright-Bestimmungen sind die Zugangsbeschränkungen - auch für legitime Nutzung digitaler Quellen - streng.
Der Klassiker "Vom Winde verweht" aus dem Jahr 1936 beispielsweise ist in den USA dank stetig verlängerter Urheberschutz-Gesetze bis 2031 geschützt. In Australien lief der Schutz hingegen im Jahr 1999 aus, 50 Jahre nach dem Tod der Autorin Margaret Mitchell. Als der australische Ableger des Gutenberg-Projektes das Werk online verfügbar machte, kam sofort eine Abmahnung von Mitchells Nachlassverwalter, da auch Webnutzer in Amerika die australische Seite aufrufen können. Die Datei verschwand aus dem Archiv.
Ebenso verspricht das Jahr 2005 für Musikliebhaber interessant zu werden, da in der Europäischen Union dann Musik aus den 50er und 60er Jahren in den "öffentlichen Raum" übergeht, alle Urheberrechts-Ansprüche privater Eigentümer also erlöschen. In den USA bleiben Elvis und Co indes auf 95 Jahre hinaus geschützt. Unterlassungsklagen, teure Vergleiche und Druck aus den USA auf ihre Handelspartner sind bereits programmiert. Das US-Gesetz zum "Urheberrechts-Schutz im 21. Jahrhundert", von Juristen wie dem Stanford-Professor Lawrence Lessig als Würgegriff der Unterhaltungsmultis kritisiert, wurde "ohne jeglichen Gedanken an die Bedürfnisse der Archivierung" verabschiedet, bemängelt Peter Lyman.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 01/2005 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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