Internet-Archive gegen Bezahlung oder für bestimmte Nutzergruppen bieten einen möglichen Ausweg aus dem Copyright-Dilemma. Ein Beispiel ist die California Digital Library (CDL), die rund 200000 Studenten und 160000 Universitätsmitarbeitern Zugang zu den elektronischen Ausgaben wissenschaftlicher Fachzeitschriften, Datenbanken und anderen Forschungsmaterialien bietet. Ein kleiner Teil der digitalisierten Werke wird über das "Online Archive of California" der breiten Öffentlichkeit verfügbar gemacht, in erster Linie verstaubte Primärquellen-Sammlungen. Der aktuelle, wertvolle Rest dagegen ist ebenso wie das Online-Archiv JSTOR, das bisher rund 450 Fachzeitschriften aus 86 Ländern umfasst, nur für jene Akademiker zugänglich, deren Institutionen entsprechende Gebühren bezahlen.
Um breiteren Nutzerschichten einen Archivzugang zu verschaffen, kommen eher gewinnorientierte Unternehmen wie Amazon oder Google in Frage, die ihren Service von der reinen Suche nach Buchtiteln und Web-Adressen immer mehr auf Archivdienste ausweiten. Amazon etwa hat nicht nur Brewster Kahles Suchmaschine Alexa Internet gekauft und integriert, sondern im September 2004 eine eigene Suchmaschine namens A9 gestartet. A9 kann Anfragen unter anderem mit Daten aus der Filmdatenbank IMDb, die ebenfalls Amazon gehört, sowie Textpassagen und Seitenabbildungen aus Amazons Buchkatalog beantworten, in dem bereits tausende von Werken im Volltext erfasst sind. Außerdem merkt sich A9 den Suchpfad für jeden Nutzer als zentral gespeichertes Recherche-Tagebuch.
Solche kommerziellen Datenmakler kümmern sich nicht nur um Aufbau und Erhalt einer modernen Informationsinfrastruktur. Sie können auch Urheberrechte aushandeln und abrechnen - ähnlich wie es heute Apple mit seinem Musikladen iTunes tut. Die Übergänge vom reinen Online-Laden zum gebührenpflichtigen Netz-Archiv seien fließend, sagt Berkeley-Professor Lyman. "Google kann sein Archiv-Know-how über Anzeigen finanzieren, Amazon über Buchverkäufe. Die Archivfunktion dient in beiden Fällen als Marketing-Werkzeug." Kombiniert mit Gratis-Archiven wie Brewster Kahles Projekt sowie Regierungsarchiven wie dem Cyber Cemetery, der tausende von Webseiten nicht mehr existenter US-Behörden aufbewahrt, ergibt sich so ein umfangreicher Flickenteppich, der sich parallel zum Internet ständig vergrößert.
Die länderübergreifende Nutzung ist allerdings immer noch mit vielen rechtlichen Problemen verbunden. Ein Beispiel für ein funktionierendes internationales Projekt ist die im April 2004 eröffnete Kunstdatenbank ARTstor, von der Andrew Mellon Stiftung als digitales Archiv für Kunstwerke ins Leben gerufen. Bis 2006 soll ihr Bestand von derzeit etwa 300000 auf eine halbe Million Bilder anwachsen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin ist der erste deutsche Teilnehmer. Seit diesem Herbst werden rund 7000 hochauflösende Bilder von Objekten aus dem Pergamon Museum, dem Alten Museum und dem Völkerkundemuseum in die Sammlung eingespeist. Zugang haben bisher jedoch nur Schulen, Hochschulen und Museen in den USA - je nach Größe der Institution für 600 bis 40000 Dollar Beitrittsgebühr und noch einmal 500 bis 20000 Dollar Jahresbeitrag.
Und eines werden selbst die besten Internet-Archive nie bieten: den zufälligen Fund, der allein auf Sinneseindrücken beruht. Als etwa der amerikanische Historiker Paul Duguid vergangenes Jahr Portugals Weinhandel im 18. Jahrhundert erforschte, wollte er die Dokumente wegen seiner Stauballergie eigentlich gescannt aufrufen. "Heute bin ich froh, dass ich im Archiv in Lissabon saß", erinnert sich der Wissenschaftler. Dort fiel ihm nämlich ein Sitznachbar ins Auge, der an jedem der alten Briefe roch, bevor er ihn las. Warum, wollte Duguid wissen. Ein Historiker-Kollege klärte ihn auf, dass Städte, in denen damals die Cholera wütete, ihre ausgehende Post mit Essig desinfizierten. "Wenn also ein Brief dem Handelspartner in Frankreich fröhlich verkündet, alles gehe bestens, man solle die Ware nur schicken, ist ein kurzer Schnüffeltest ein guter Realitäts-Check", sagt Duguid. "Da kommt kein Online-Archiv mit."
(entnommen aus Technology Review Nr. 1/2005; das komplette Heft können Sie hier bestellen)
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 01/2005 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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