Das Technologiezentrum Duisburg sieht nicht gerade nach der idealen Umgebung für eine Mobilfunkfirma aus: Der Stararchitekt Norman Foster formte seine Dächer und Fassaden zu einer Wellblechhaube, die anmutet wie ein Faradayscher Käfig. Ausgerechnet in dieser Dose, die jegliche Handystrahlung zuverlässig fernzuhalten scheint, arbeitet Thomas Kaiser daran, Mobilfunknetze entscheidend zu verbessern.
Der 44-jährige Gründer der mimoOn GmbH entwickelt Antennensoftware für die nächste Mobilfunkgeneration, in der die Funklöcher schrumpfen und die Übertragungsraten auf bis zu 100 Megabit pro Sekunde steigen sollen. Die Eckdaten des UMTS-Nachfolgers „Long Term Evolution“ (LTE – siehe TR 7/07) werden zwar erst Ende des Jahres festgezurrt, aber die Parameter für die Antennentechnologie stehen bereits fest – und Kaiser ist Pionier: Sein Unternehmen bringt nach eigenen Angaben die weltweit erste Software auf den Markt, die die Antennen des Zukunftsnetzes steuern kann.
Erster Abnehmer ist der Basisstation-Hersteller picoChip, der sowohl auf Wimax als auch auf LTE setzt. Beide Technologien zielen auf mehr mobile Bandbreite und nutzen dazu teilweise das gleiche Konzept: mehr Antennen – sowohl im Sender als auch im Empfänger. „Multiple Input Multiple Output“ (MIMO) wird das genannt und „my mo“ ausgesprochen.
„Wenn auf beiden Seiten jeweils zwei Antennen kommunizieren, verdoppelt sich die Datenrate“, erklärt Kaiser. Mehr Antennen ermöglichen auch mehr Reichweite, weniger Funklöcher – und weniger Elektrosmog. Denn bislang wird jeder Passant in einer 120 Grad breiten Funkkeule um den Mobilfunk-Sendemast bestrahlt, auch wenn nur einer darin telefoniert. MIMO dagegen ermöglicht eine Art Richtfunk: Die Funkkeule des Mastes zielt nur noch auf den einzelnen Nutzer, ist also viel schmaler.
Weil die Zielgenauigkeit steigt, kann die Strahlungsleistung sinken. Zwar hat das Bundesamt für Strahlenschutz jüngst weitgehend Entwarnung in Bezug auf angebliche Gefahren des Mobilfunks gegeben. Für die Akzeptanz der vielen neuen LTEAntennen ist es aber sicherlich von Vorteil, dass sie klein genug sind, um ab 2010 unauffällig an Masten oder in Gebäudewänden zu verschwinden. Die ersten Basisstationen, die es dafür gibt, laufen laut Kaiser mit Software von mimoOn.
Dass das nordrhein-westfälische Unternehmen so früh am Start ist, liegt unter anderem auch am Abgang von Benq/Siemens in Kamp-Lintfort und von Nokia in Bochum. „Für uns war das total prima“, sagt Kaiser, „wir haben von dort Schlüsselingenieure für uns gewinnen können.“ Der andere Grund ist die Vorarbeit eines Forschungsprojekts an der Uni Duisburg-Essen. Rund um die Professoren Thomas Kaiser, Alex Gershman und Andreas Czylwik hatte sich hier vor sieben Jahren eine 40-köpfige MIMO-Gruppe gebildet, finanziert mit 2,3 Millionen Euro, die sie als Preisgeld für ein Projekt über praxisgerechten Mehrantennenfunk erhalten hatte. Als das Geld aufgebraucht war, wagte sich Kaiser an die Ausgründung; seine Professoren-Kollegen blieben an der Uni und kooperieren heute mit mimoOn.
Die Suche nach Investoren war mühsam, wie Kaiser erzählt: Einer holte ein Gutachten bei einem Hochfrequenztechniker ein, der befand, dass Masten unter dem Gewicht so vieler Antennen zusammenbrechen würden, während andere Investoren nur nach Patenten fragten. „Unser Know-how steckt aber nicht in einem Schlüsselpatent“, sagt Kaiser, „das ist im komplexen Mobilfunkmarkt gar kein Geschäftsmodell. Viele Investoren verstehen das nicht.“ Wichtiger sei es, Produkte auf den Markt zu bringen, die der Zeit voraus sind. Manche WLAN-Geräte für den Hausgebrauch besitzen zwar bereits mehrere Antennenstummel. In freier Umgebung mit vielen Nutzern ist der Mehrantennenfunk jedoch anspruchsvoller. Dazu müssen Datenrate, Robustheit und Bündelung aufwendiger aufeinander abgestimmt werden. „Diese Parameteroptimierung – das ist unser Knowhow“, sagt Kaiser.
Unternehmensprofil mimoOn GmbH:
Ausgründung aus Universität Duisburg-Essen;
Branche: Infotech;
Gründungsjahr: 2006;
Sitz: Duisburg;
Beschäftigte: 35;
Finanzierung: 500.000 Euro vom High-Tech Gründerfonds, 50.000 Euro von Enjoyventure, 50.000 Euro von Privatinvestoren.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 08/2008 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
Permalink: http://heise.de/-275466