Bild: hill josh (cc-by 2.0)
Das alte Schreckensgleichgewicht der Supermächte existiert nicht mehr. Stattdessen rechnen Sicherheitsexperten heute damit, dass Terroristen sich Atomwaffen verschaffen und einsetzen. Graham Allison, Harvard-Professor und ehemaliger Staatssekretär des US-Verteidigungsministeriums, beschreibt eine viel versprechende Gegenstrategie auf der Grundlage "nuklearer Forensik".
Am 11. Oktober 2001, einen Monat nach den Anschlägen auf das World Trade Center, konfrontierte CIA-Direktor George Tenet US-Präsident George W. Bush mit einer erschreckenden Nachricht: Terroristen der al-Qaida hätten eine Zehn-Kilotonnen-Atombombe aus russischen Beständen nach New York geschmuggelt. An einem durchschnittlichen Werktag bevölkern etwa eine halbe Million Menschen die Gegend im Radius einer halben Meile um den Times Square. Eine Detonation würde sie alle töten.
In den folgenden Stunden analysierte die damalige nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice mit ihrem Stab unter strenger Geheimhaltung – nicht einmal New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani wusste davon – die Bedrohung, die Sicherheitsstrategen als "Problem aus der Hölle" bezeichnen: Während des Kalten Krieges wussten die USA und die Sowjetunion, dass jeder atomare Angriff einen mindestens genauso verheerenden Gegenschlag auslösen würde; al-Qaida aber muss eine solche Vergeltung nicht fürchten.
Aus Sorge, dass eine Atombombe auch nach Washington gelangt sein könnte, schickte Bush seinen Vizepräsidenten Dick Cheney gemeinsam mit einigen Hundert Regierungsbeamten an einen unbekannten Ort außerhalb der Hauptstadt – sie sollten im Fall eines nuklearen Anschlags den Kern einer Notfallregierung bilden.
Sechs Monate zuvor hatte die CIA Gespräche der al-Qaida über ein "amerikanisches Hiroshima" abgehört. Die CIA wusste außerdem, dass Osama bin Laden schon 1993 versucht hatte, hoch angereichertes Uran südafrikanischer Herkunft zu kaufen. Außerdem sollten Al-Qaida-Mitglieder mit tschetschenischen Separatisten über den Kauf eines Nuklearsprengkopfes verhandelt haben, den der Warlord Shamil Basayev aus Russland bezogen haben wollte.
Glücklicherweise stellte sich später heraus, dass der CIABericht ein falscher Alarm gewesen war. Trotzdem enthält der Fall eine wichtige Botschaft: Die US-Regierung war weder wissenschaftlich noch logisch in der Lage, einen solchen Angriff auszuschließen.
Meiner Ansicht nach ist es ohne Änderungen in Politik und Praxis sogar fast unvermeidlich, dass Terroristen mit einer nuklearen Attacke eine der großen Städte der Welt verwüsten. Zumindest liegt die Wahrscheinlichkeit für so ein Ereignis innerhalb des nächsten Jahrzehnts bei mehr als 50 Prozent, wenn die Regierungen nicht mehr tun als bisher. Natürlich kann man die Wahrscheinlichkeit einer unvorhersagbaren Katastrophe nicht wirklich berechnen – insofern kann ich dazu auch nicht mehr abgeben als eine Schätzung. Aber sie ist gut fundiert, denn ich habe mehr als drei Jahrzehnte lang Fragen nuklearer Bedrohung analysiert, unter anderem als Sonderberater für den US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger unter Präsident Reagan und dann als Verteidigungs-Staatssekretär in der Clinton-Regierung.
Andere Experten haben vorsichtigere Zahlen genannt. Mein Harvard-Kollege Matthew Bunn schätzt die Wahrscheinlichkeit für einen nuklearen Terroranschlag in den nächsten zehn Jahren auf 29 Prozent; das gleiche Ergebnis kam als Durchschnittswert bei einer Umfrage unter Sicherheitsexperten heraus, die Richard G. Lugar, Senator des US-Bundesstaats Indiana, 2005 in Auftrag gegeben hatte. Manche aber sind noch pessimistischer als ich. Richard Garwin, einer der Entwickler der Wasserstoffbombe, sieht für eine Atombomben-Explosion in einer europäischen oder amerikanischen Stadt "eine Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent pro Jahr".
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 01/2009 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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