Rauchzeichen über Japans Atomprogramm
18.07.07 – Martin Kölling, Tokio
Quelle: Japan Meteorological Agency
Ein starkes Erdbeben in unmittelbarer Nähe des größten Atomkraftwerkskomplex der Welt hat diese Woche Japans Atomprogramm erschüttert. Heute, am dritten Tag, nach dem Beben mussten der Kernkraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power (Tepco) und das für die Atomaufsicht zuständige Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti) eingestehen, dass das AKW Kashiwazaki Kariwa entgegen bisherigen Beteuerungen wahrscheinlich direkt auf der Verwerfung steht, die am Montag neun Kilometer vom Kraftwerk entfernt ein Beben der Stärke 6,8 auf der Richter-Skala ausgelöst hatte.
„Wir haben bei der Planung des Kraftwerks nicht angenommen, dass ein Beben dieser Stärke auftreten könnte“, sagte ein Sprecher von Tepco heute. „Aber nachdem wir auf die Daten [des Wetteramts] über die Nachbeben geschaut haben, haben wir begriffen, dass die Verwerfung direkt unter dem Atomkraftanlage entlang läuft.“ Damit ist selbst ein Beben direkt unter dem 220 Kilometer nördlich von Tokio in der Präfektur Niigata gelegenen AKW nicht mehr ausgeschlossen.
Das Kraftwerk mit seinen sieben Reaktorblöcken und einer elektrischen Gesamtleistung von 8,21 Gigawatt ist aufgrund der falschen geologischen Untersuchungen im Planungsprozess nur für ein Beben der Stärke 6,5 ausgelegt, weil die Planer in mehreren Kilometern Entfernungen Bruchkanten verortet hatten. Eine davon hat 2004 ein gleich starkes Beben ausgelöst. 67 Menschen starben statt neun beim jetzigen Beben. Aber am Atomkraftwerk waren die Stöße innerhalb der Toleranz. Beim jetzigen Beben überstieg die Bodenbeschleunigung jedoch die offiziell extremsten für diesen Standort für möglich gehaltenen Werte um das bis zu Zweieinhalbfache.
Besonders übel stößt Kritikern auf, dass Regierung und Strombetreiber bis gestern die Existenz der aktiven Zone entgegen neuen Erkenntnissen leugneten. Erst 2005 hatten Anwohner eine Aufhebung der Betriebsgenehmigung verlangt, weil neuere Gutachten eine Verwerfung anzeigten. Doch der Oberste Gerichtshof in Tokio hatte die Klage mit dem Verweis auf offizielle Gutachten abgelehnt, dass es sich um keine aktive Verwerfung handele.
Die Verblüffung über derartige Fehlurteile von Tepco, der Regierung und der Justiz entfacht eine für japanische Verhältnis heiße Diskussion über die Gefahren der Atomkraft. Selbst Mino Monta, einer der einflussreichsten TV-Talkmaster Japans äußerte sich verblüfft über die Chuzpe, ein AKW direkt auf eine Verwerfung zu bauen. Bisher gab es in den Medien kaum großen Widerstand gegen Japans Atomprogramm.
Die Regierung und das Meti versuchen daher vorbeugend, den Imageschaden durch Aktivismus einzudämmen. Bereits am Dienstag herrschte Ministerpräsident Shinzo Abe den Kraftwerksbetreiber Tepco öffentlich an, er habe „zu langsam“ informiert und solle ernsthaft über seine Krisenbewältigung nachdenken. „Atomkraft kann nur mit dem Vertrauen der Bevölkerung betrieben werden“, sagte Abe. „Und dafür müssen Kraftwerksbetreiber genau und umgehend berichten, was passiert ist.“ Meti-Minister Akira Amari rief überdies Tepco-Chef Tsunehisa Katsumata zu sich und rügte ihn zusätzlich für die langsamen Löscharbeiten an einem brennenden Transformator auf dem Atomgelände.
Fast zwei Stunden loderte das Feuer und schickte telegene Rauchwolken in den Himmel Niigatas, weil es erstens keine Werksfeuerwehr gab und zweitens den angeforderten lokalen Brandbekämpfern anfangs der geeignete Löschschaum zur Bekämpfung des Ölbrands fehlte. Der Reaktor bleibt bis auf weiteres stillgelegt. „Wir haben Tepco aufgefordert, einen Bericht über die Ursachen des Bebens abzugeben“, sagte Akira Fukushima, stellvertretender General-Direktor für Sicherheitsüberwachungen der Behörde für nukleare und industrielle Sicherheit des Meti. „Auf der Grundlage des Berichts werden wir geeignete Maßnahmen beschließen.“
Die erste Zwischenbilanz der Schäden fällt dennoch zur Erleichterung von Atomkraftbefürwortern vergleichsweise milde aus. Man habe bisher keine Anomalien in den sicherheitsrelevanten Bereichen der Reaktoren entdeckt, erklärte Fukushima heute. Allerdings ist entgegen ursprünglichen Beteuerungen des Betreibers doch Radioaktivität freigesetzt worden. Im Reaktorblock 6 wurden außerhalb der Sicherheitszone zwei Pfützen mit 0,6 und 0,9 Litern radioaktiv verseuchten Wasser entdeckt. 1200 Liter strahlenden Wasser flossen ins Meer.
