Die Megastädte der Welt wachsen immer weiter – und mit ihnen die Gefahr eines Versorgungsinfarkts. Experten tüfteln daher an Konzepten, die Ballungszentren neu zu organisieren und deren Bürgern das Leben zu erleichtern.
Eine braun-gräuliche Wolke bedeckt die Stadt. Erst kurz bevor das Flugzeug aufsetzt, sind die Lichter Pekings durch den Smog auszumachen. Dann dauert es eine Stunde, bis man ein Taxi ergattert hat – es gibt zu wenige in Chinas Hauptstadt. Eine Bahn vom Flughafen ins Zentrum existiert nicht. Und sitzt man endlich in einem Wagen, heißt es schon wieder Schlange stehen: Samstagabendstau. Der Flughafenzubringer ist dicht, auch die vierte, dritte, zweite Ringstraße um das Stadtzentrum.
Für die Pekinger ist das normal, oft ist kein Durchkommen in der Stadt. „Vor einem Jahr noch habe ich eine Dreiviertelstunde gebraucht, jetzt dauert es für dieselbe Strecke doppelt so lange“, klagt Song Yuanyuan. Jeden Tag muss sich die Lokaljournalistin durch den zähen Verkehr quälen, um ihr Büro im Central Business District zu erreichen. „Die Staus“, sagt sie, „werden immer schlimmer.“
Das Ergebnis ist die schmutzige Wolke, die an vielen Tagen über der Stadt hängt, eingekesselt von den Bergen ringsum die 18-Millionen-Metropole. Zusätzlich gefüttert wird sie im Winter von den mit Kohle befeuerten Heizkraftwerken. Song zieht sich einen Mundschutz aus Papier übers Gesicht, sie hat schon wieder Husten. „Ich werde den einfach nicht los“, erzählt sie. „Angefangen hat es mit einer Erkältung, aber wegen der Luft hier wird es nicht besser.“ Sogar in den Staatsmedien rufen Ärzte Kranke, Kinder und ältere Menschen auf, zu Hause zu bleiben.
Ähnlich wie in Peking sieht es in vielen Metropolen dieser Welt aus: Auf den Straßen stauen sich Lastwagen und Autos, der öffentliche Nahverkehr ist – falls vorhanden – chronisch überlastet. Smogschwaden machen den Einwohnern zu schaffen, und in den wuchernden Außenbezirken mancher Großstadt gibt es weder Strom noch fließendes Wasser oder auch nur eine halbwegs funktionierende Müllabfuhr.
In den meisten Ballungsräumen wird sich die Situation weiter verschärfen. Bereits heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung von derzeit sieben Milliarden Menschen in Städten. In 20 Jahren dürften es sogar fünf Milliarden sein – eine halbe Milliarde davon in Megacitys mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Die Entwicklung scheint unaufhaltsam. Denn Städte sind Wachstumsmotoren; derzeit erwirtschaften die 600 weltweit größten Metropolen die Hälfte des globalen Wachstums.
Der US-Physiker Luis Bettencourt hat 2007 dafür ein mathematisches Gesetz gefunden – die „15-Prozent-Formel“: Vergleicht man eine Stadt mit einer Million Einwohnern mit einer doppelt so großen Metropole, werden die Bürger der größeren Stadt im Durchschnitt 15 Prozent mehr verdienen und auch 15 Prozent mehr ausgeben. Pro Einwohner gibt es dort 15 Prozent mehr Patente, aber auch 15 Prozent mehr Verbrechen.
Der Grund: Je größer eine Metropole, desto schneller und betriebsamer ist sie. „Die Zahl der täglichen sozialen Kontakte nimmt zu, weil mehr Menschen in unterschiedlichsten Positionen und Funktionen aufeinandertreffen“, erläutert Bettencourt. „Dadurch entstehen in Riesenstädten die meisten Innovationen.“ Je größer, desto innovativer – diese Faustregel dürfte dazu führen, dass selbst die größten Metropolen künftig immer weiter wachsen werden. „Ich sehe keinerlei Anzeichen dafür, dass dieses Wachstum durch irgendetwas begrenzt ist“, sagt Bettencourt.
Die rasante Ausbreitung von Megastädten wie Peking, Johannesburg, Lima oder Mumbai bedeutet jedoch eine enorme Herausforderung. Die Menschen dort brauchen saubere Luft und frisches Wasser. Sie wollen sich und ihre Güter staufrei und sicher fortbewegen. Der Müll soll entsorgt und möglichst wiederverwertet werden. Die Metropolen müssen ihren Energieverbrauch senken und sich dem Klimawandel anpassen. Das verlangt gewaltige Investitionen. Bei Siemens schätzt man, dass Städte weltweit einen Infrastrukturbedarf von zwei Billionen Euro haben – pro Jahr. Das Problem dabei: Die althergebrachten Konzepte von Architekten, Verkehrsplanern und Infrastruktur-Fachleuten taugen nur bedingt. Deshalb tüfteln die Experten unter Hochdruck an neuen Ansätzen und innovativen Technologien, unter anderem, um die stetig wachsenden Metropolen heute und auch künftig mit genügend Energie versorgen zu können.
Energie für den Moloch: Laut UN verbrauchen Städte zwei Drittel der weltweiten Energie und sind für mehr als 70 Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich – Tendenz steigend. Die Treiber sind die Boom-Metropolen der Schwellenländer, zum Beispiel der Großraum Johannesburg, das wirtschaftliche Zentrum Südafrikas: Ein Riesengebilde, in dem sich heute zehn, künftig sogar bis zu 15 Millionen Einwohner drängen. „Nach Ende der Apartheid wurde versäumt, die Kraftwerke auszubauen“, sagt Ludger Eltrop vom Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung der Uni Stuttgart. „Deshalb hat es in den letzten Jahren immer wieder Blackouts gegeben.“ Gemeinsam mit südafrikanischen Forschern und Behörden versucht sich Eltrops Team an Lösungsansätzen für das Energieproblem Johannesburgs. Finanziert wird dieses „Enerkey“-Projekt vom Bundesforschungsministerium, das 2005 den Förderschwerpunkt „Future Megacities“ einrichtete.
„Energie ist der Schlüssel für eine nachhaltige Entwicklung“, meint Eltrop. „Doch ähnlich wie in anderen Megastädten kann die Infrastruktur mit dem Wachstum der Region nicht mithalten.“ Der Monopol-Energieversorger Eskom kommt mit dem Bau neuer Kohlekraftwerke nicht nach. Und die Hoffnungen in die Kernenergie, speziell in eine neue Generation des sogenannten Kugelhaufenreaktors, haben sich bislang nicht erfüllt.
Hinzu kommt: Mit Kohlekraftwerken ist eine nachhaltige Energieversorgung nicht machbar – sie stoßen Unmengen an CO2 aus. Deshalb suchen die Enerkey-Experten nach einem klimafreundlicheren Ansatz. „Solare Warmwasseranlagen sind für diese Breitengrade schon heute ökonomisch, aber in Südafrika noch kaum verbreitet.“ Unter anderem planen die Fachleute effiziente Nahwärmenetze, bei denen sich mehrere Häuser eine Solaranlage teilen. Sinnvoll scheint das etwa für jene geschlossenen, von einer Sicherheitsmauer umfassten Wohnanlagen für die Mittelschicht, die in der Region immer mehr in Mode kommen. Hier stehen Hunderte von Häusern dicht an dicht. Eine große gemeinsame Solarthermie-Anlage ...
(wst)
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